Der Name der Straße

An der Bläufabrik

15.05.2026 33 min

Zusammenfassung & Show Notes

Es geht um die Straße „In der Bläufabrik“. - Erzählt wird die Geschichte eines Gewerbebetriebes, der ab 1773 an seinem Standort im Hespertal im Essener Süden  kobaltblaues Farbpulver produzierte und erfolgreich bis hin nach Delft exportierte. 


Literatur
 
Hinweisgeberin war Frau Göke
PODCAST „Ruhrtal“. Folge 74:
„#74 – Tannenbusch“
 
Preutenborbeckstraße, In Folge 1 über den Kleinharnscheidt fällt der Name Preutenborbeck zum ersten Mal: beim ersten auffindbaren Eintrag des Familiennamens „Harnscheidt“ …datiert auf den 7.12.1590 im Findbuch 800
„Teilung des Besitzes der verstorbenen Wever zu Scheven durch Los unter Johann zu Harnscheidt, Nikolas Hoppenbreuer, Johann in der Eue, Ludger in der
Preutenborbeck und Caspar zu Scheven“
 
 „Blaufarbenfabrik in Heidhausen”. In: KuLaDig, Kultur. Landschaft. Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-WBuschmann-20100314-0003 (Abgerufen: 19. April 2026)
 
 
Die beiden in dieser Folge meistzitierten Quellen: 
 
Landbürgermeisterei Werden, von BÜRGERMEISTER SCHAPHAUS, Nachdruck in der Reihe: Wadden Kladden, von Schmitz. Die Buchhandlung, 1.Auflage 2023
 
Das Hespertal - Ein altes Industriegebiet, von Studiendirektor DR.F.KÖRHOLZ, kommentierter und ergänzter Reprint in der Reihe Wadden Kladden, von Schmitz. Die Buchhandlung, 2.Auflage, 02. 2024
 
 
Das Ruhrgebiet im Industriezeitalter: Geschichte und Entwicklung, Band 1, hrsg. von WOLFGANG KÖLLMANN u.a., 1990, Schwann im Patmos Verlag, Düsseldorf
Vor allem: Seiten 13, 14.
 
 
HEIMATVEREIN-WERDEN:
(Aufgerufen am 9. Und 10.5.2026)
 
 
Alaun
 
Jörn Kling (2021): „Kalksteinbrüche Hefel”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-343046 (Abgerufen: 19. April 2026)
 
Delfter Blau:
 
Die erste Dampfmaschine im Ruhrgebiet:
 
Der Erfinder des synthetischen Ultramarins:
 
 
 
RÜCKMELDUNGEN sind möglich 
 
unter
 
bei Facebook unter: Der Name der Straße 
 
und bei Instagramm unter: der_name_der_strasse

Transkript

hans
00:00:18
Hallo, ich heiße Hans und interessiere mich für Regionalgeschichte. In diesem Podcast geht es um Geschichten hinter den Namen von ausgesuchten Straßen im Süden der Stadt Essen. Neue Folgen gibt es an jedem dritten Freitag des Monats.
Hans
00:00:35
In dieser, der zweiten Ausgabe von "Der Name der Straße", ist schon wieder eine Sackgasse der Ausgangspunkt. Sie ist deutlich kürzer als die in der ersten Folge. Sie weist deutlich mehr Schlaglöcher, Schotter und Sand und auch nur vier Gebäude auf. Eines davon scheint verlassen zu sein. Die anderen drei gehörten früher zu einem Gewerbebetrieb. An den erinnert der Straßenname "An der Bläufabrik". Habt ihr den Begriff Bläufabrik schon mal gehört? In einem Gespräch mit Frau Göke ist er mir kürzlich zum ersten Mal untergekommen. Sie erzählte von dem Weg, den sie als junge Frau mit zwei Kindern zu Fuß zurücklegen musste. Von Fischlaken hin zu ihren Eltern nach Heidhausen, zur Straße "Im Tannenbusch".
Frau Göke
00:01:27
Ja, da bin ich einmal die Woche immer zu meinen Eltern in den Tannenbusch. Da hab' ich immer gedacht, wie machst du das überhaupt? Dann hab' ich den Kinderwagen gehabt, hab' dann auch noch, da war unsere Tochter dann auch schon nachher geboren, Stühlchen oben mit drauf, das Baby in den Kinderwagen drin, das eine Baby, Kleinkind sozusagen, mit dem Stühlchen oben drauf. bin ich durchs Hespertal, da bin ich dann immer hergegangen, da ging so ein Weg von der Straße ab, wo ich drüber gehen konnte. Und dann kam ich dann auf die Straße, da, Tannenbusch, Bläufabrik heißt unten das kleine Stückchen noch, und dann geht es aber hoch, Tannenbusch. Da bin ich dann immer hoch, dann Berg rauf, ne, und nachmittags von da aus dann wieder weiter, wenn ich nach Hause wollte. Man hat sich doch früher schon viel gefallen lassen.
Hans
00:02:21
Damit ihr die Steigung einschätzen könnt, gegen die Frau Göke den Kinderwagen hinaufschieben musste, Das "kleine Stückchen namens Bläufabrik" liegt unten im Hespertal. Die Straße "Im Tannenbusch" führt bergauf bis kurz vor die Bundesstraße 224, die dort "Bergische Landstraße" heißt. Geht man den Tannenbusch ganz hinauf, der höher gelegene Weg zur Linken heißt, "Preutenborbeckstraße". Dort findet sich mit 202,5 Metern über Normalnull der höchste Punkt im Stadtgebiet von Essen. Frau Göke musste diesen Weg Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ungefähr bis zur Hälfte hinaufgehen, um ihre Eltern zu besuchen Nun springen wir zurück. Und zwar nicht zur Straße, sondern zum Gewerbebetrieb, zur Bläufabrik. Und in das Jahr von dessen Errichtung 1773. Den Betrieb aufgenommen, hat die Bläufabrik also in einer Zeit, in der noch die Reichsabtei Werden die Regeln bestimmte. Damals galt das Zunft- und Konzessionswesen. Wer ein Gewerbe betreiben wollte, brauchte eine Genehmigung der Abtei Werden. Außerdem mussten Abgaben bezahlt und die Zunftregeln eingehalten werden. Mit diesen Regeln konnten Gewerbebetriebe in einer ländlichen Gegend wie dem Hespertal praktisch verboten werden. Gute 200 Jahre zuvor, im 16. Jahrhundert, gab es hier einige Schleifkotten. In der Zeit vor der Industrialisierung wurden in denen Klingen, Werkzeuge und Scheren geschärft. Wasserräder trieben die Schleifsteine an. Das sogenannte Privileg der bürgerlichen Nahrung bestimmte, dass nur Bürger der Stadt Werden bestimmte Handwerke oder Kaufmannsgeschäfte ausüben durften. Die Betreiber der Schleifkotten im Hespertal hatten dieses Privileg nicht und mussten ihre Betriebe schließen. 1773 wehte aber bereits ein anderer Wind. Den spürte wohl auch Kaufmann Offermann aus Velbert, als er begann, seine Geschäftsidee mit der Errichtung der Bläufabrik umzusetzen. Konkurrenz, die ihn mit Hilfe von Zunftregeln hätte behindern können, gab es weit und breit nicht. Lange Zeit war sein Blaufarbenwerk sogar das einzige in Westdeutschland. Im weit entfernten sächsischen Erzgebirge wurde damals im großen Stil das hergestellt, was Offermann produzieren und als Kaufmann vor allem vertreiben wollte. Ein kobaltblaues Farbpulver. Es gibt verschiedene Beschreibungen des Herstellungsprozesses. Teilweise mit widersprüchlichen Angaben. Da ich mich mit Chemie nicht auskenne, zitiere ich vor allem die Quelle, die meinem Herzen am nächsten liegt. Die Website des Heimatvereins Werden "Es wurde Farbpulver produziert. Kobalterze wurden unter Zugabe von Alaun geröstet. Durch Abtrennung von schädlichen Stoffen und unter Reinigung etwa von Pottasche und Kieselerde entstand blaues Glas, die sogenannte Schmalte". Ein Einschub Chat GPT, beschreibt das Ganze bis hierhin als einen Schmelzprozess. Schmelzen und Schmalte, das könnte passen. Aber zurück zur Beschreibung des Heimatvereins "Die Farbmühle walzte und mahlte das Glas fein aus. Durch Schwemmen und Trocknen entstand das blaue Farbpulver". Das war gerade so viel Chemie wie notwendig, um verstehen zu können, warum Kaufmann Offermann den Standort seiner Fabrik im Hespertal wählte. Denn dafür müssen wir wissen, was er brauchte. Wasser, Hitze, Kobalterz und Alaun. So klingt der Rosenbach. Er fließt am Gebäude vorbei und etwas später in den Hesperbach. Früher trieb der Rosenbach die Mühle an, in der das blaue Glas, die sogenannte Schmalte, zu Pulver gemahlen wurde. Außerdem versorgte der Bach die großen Becken im Untergeschoss der Bläufabrik mit frischem Wasser. Diese Becken waren für das Schwemmen, also für die Reinigung des Farbpulvers notwendig. Die Becken gab es übrigens noch bis 1970. Bergleute, der benachbarten Kleinzeche Hermann, in der nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1948 Hausbrandkohle vom Flöz "Dicke Bank" abgebaut wurde, hatten in den ersten Jahren der Förderung ihre Waschkaue in der ehemaligen Bläufabrik. Für die Produktion des kobaltblauen Farbpulvers war neben dem Wasser auch Hitze notwendig. Als die Bläufabrik Ende des 18. Jahrhunderts gebaut wurde, da wurde im Hespertal bereits seit langem Steinkohle gefördert. Das spätere Ruhrgebiet galt dagegen noch im Jahre 1826 als ländliche und ruhige Gegend Wolfgang Köllmann zitiert den Fürsten Pückler - Muskau, der seiner Schwester schrieb, "von der anmutigen und sanften Natur, besonders bei Steele an der Ruhr, ein Ort für den gemacht, der sich vom Getümmel des Lebens in heitere Einsamkeit zurückzuziehen wünscht". In derselben Quelle zitiert Köllmann auch den Fabrikenkommissar Friedrich August Alexander Eversmann. Dieser berichtet 1804 über die Bergtäler im nahegelegenen bergisch-märkischen Land "Überall, wo man hinhört, ist Geräusch von Hämmern und Schmieden. Eine lebendige Gegend, voll Geräusch, voll Geschäftigkeit". In den Tälern südlich der Ruhr und auch im Hespertal wurde schon seit Jahrhunderten Steinkohle abgebaut. Erste schriftliche Hinweise stammten aus dem späten 14. Jahrhundert. Die Kohle lag dort teilweise offen oder in geringer Tiefe, sodass sie mit den damaligen Mitteln gefördert werden konnte. Man darf dabei nicht vergessen, erst die Verbesserungen von James Watt in den 60er und 70er Jahren des 18. Jahrhunderts machten die Dampfmaschine wirtschaftlich nutzbar. Auch der Transport funktionierte damals noch ganz anders. Pferdefuhrwerke waren die wichtigste Möglichkeit. Der erste und einzige Bürgermeister der Gemeinde Werden - Land, Ferdinand Aloys Schaphaus, schrieb dazu, "Die Wege im Bergischen Land waren für Wagenlasten meist zu schlecht. Man beförderte die Kohlen mit Pferden, welche auf ihrem Rücken etwa zwei Ringel tragen konnten". Das entsprach ungefähr drei Zentnern. Es war im Hespertal also zwar mühsam, aber ohne größere Probleme möglich, Steinkohle zur Bläufabrik zu bringen. Die notwendige Hitze für die Herstellung des blauen Farbpulvers konnte also erzeugt werden. Auch beim Kubalterz gibt es Hinweise darauf, dass es möglicherweise direkt im Hespertal gewonnen wurde. Die Quellen dazu sind allerdings eher vorsichtig. Bürgermeister Schaphaus fand es jedenfalls auffällig, "daß der Oberhesperhof, auf dessen Boden das Blaufarbenwerk lag, seit dem 15. Jahrhundert Cabaltz- oder Kabols-Hespe heißt". Er hielt es deshalb für möglich, dass der Name etwas mit Kobalt zu tun haben könnte. Als wichtigster Herkunftsort für das Kobalterz wird meist das Siegerland genannt. Dort expandierte der Kobaltbergbau damals. Zeitweise entstanden dort bis zu 50 neue Förderstätten pro Monat. Allerdings liegen Siegerland und Hespertal nicht gerade nebeneinander. Und da stellt sich wieder die Frage nach dem Transportwesen. Wen oder was könnte man dazu wohl fragen?
hans
00:11:19
Die Blaufärberei im Hespertal bezieht 1773 Kobalterz aus dem Siegerland. Kannst du mir kurz den Transportweg beschreiben?
maple
00:11:31
Das Kobalterz aus dem Siegerland wurde damals per Fuhrwerk transportiert. Es legte den Weg über Landstraßen zurück, etwa durch das Märkische Sauerland. Typisch war die Route über Iserlohn und Hagen. Dort konnte man entlang der Ruhr weiter Richtung Essen ziehen. In Essen-Heidhausen im Hespertal kam das Erz dann in der Blaufärberei an.
Hans
00:11:54
Das klingt aus heutiger Sicht sehr mühsam. Allerdings waren die Wege von anderen Kobaltabbaugebieten im Harz oder sogar aus dem Erzgebirge deutlich länger. Außerdem dürften die Kobaltpreise im Siegerland wegen des dort stark wachsenden Abbaus gefallen sein. Der Transportweg des Kobalterzes war aber der eindeutig längste, denn... der zweite wichtige Rohstoff für die Herstellung des Kobaltblauen Farbpulvers war Alaun. Dieses kam aus Velbert, genauer gesagt aus dem Hefeltal, das als Verlängerung des Hespertals gilt. Dort gab es seit 1572 die Alaungrube Engelsthal, die später Aurora genannt wurde. Der Studiendirektor, Dr. Franz Körholz, beschreibt in seiner Schrift das Hespertal, dass durch dieses eine geologische Grenze verlaufe. Die trennt Gebiete, die erdgeschichtlich unterschiedlichen Stufen angehören. Im unteren Teil des Hespertals, also dort, wo wir uns bisher aufgehalten haben, gibt es auf den Höhen rund um den Hesperbach Steinkohle. Im oberen Bereich des Bachs, also Richtung Velbert, treten dagegen Kalkstein und Alaunschiefer an die Oberfläche. Dr. Körholz beschreibt auch mögliche Absatzmöglichkeiten für das Alaun in Werden. Dadurch lassen sich alte Transportwege erkennen, von der Grube Aurora durch das Hespertal bis eben dorthin nach Werden. Genau an diesem Weg wurde 1773 die Bläufabrik errichtet und deren blaues Farbpulver, das benötigen genau die Betriebe, die sich das Alaun liefern lassen. Man kann sich das so vorstellen. Ein Pferdefuhrwerk fährt mit Alaun aus dem Hefeltal bei Velbert los. Ein Teil der Ladung wird am Rosenbach an der Bläufabrik abgeladen. Aufgeladen wird stattdessen das blaue Farbpulver. Danach fährt das Fuhrwerk weiter nach Werden, auf einem Weg, der schon lange genutzt wurde. Die seit dem 16. Jahrhundert bestehende Linnebornsche Papiermühle sowie eine später entstandene Papiermühle am unteren Heperbach verwendeten Alaun zum Leimen des Papiers. Das blaue Farbpulver wurde genutzt, um hochwertige Papierarten wie Büttenpapier oder Schreibpapier heller erscheinen zu lassen. Schon eine kleine Menge konnte den leicht gelblichen Farbton ausgleichen und für ein neutraleres Weiß sorgen. Werden hatte damals ein erfolgreiches Tuchmachergewerbe. Viele Betriebe benötigten Alaun als Beizmittel, damit Farben besser an Stoffen hafteten und waschfest wurden. Das kobaltblaue Farbpulver hingegen wurde zum Färben von Textilien benutzt. Es erzeugte einen kräftigen und haltbaren Blauton. Wenn man bedenkt, dass dieses Farbpulver vorher aus dem Harz oder aus dem Erzgebirge kommen musste, wird der Vorteil deutlich.Die langen und schwierigen Transportwege machten das Produkt teuer. Kaufmann Offermann aus Velbert konnte das Farbpulver aus seiner Bläufabrik deshalb deutlich günstiger anbieten. Und Offermann dachte nicht nur regional. Er wusste, dass kobaltblaues Farbpulver auch im niederländischen Delft gebraucht wurde. Die dortigen Porzellan- und Keramikmanufakturen nutzten es zum Färben ihrer Produkte und für Unterglasuren. Delfter Blau ist bis heute ein Begriff. Jedoch gab es 1773 vom Hespertal aus noch keinen günstigen Transportweg nach Delft. Gute Transportwege brauchte auch Preußen, der mächtige Nachbar der Reichsabtei werden. Im Jahr 1766 ergänzte Preußen seine Bergordnung durch einen Erlass. Darin wurde unter Androhung harter Strafen verboten, nicht preußische Kohle zu verwenden. Ähnliche Regeln galten auch für Salz. Das Ziel dieser Wirtschaftspolitik war klar. Preußen wollte unabhängig von ausländischen Rohstoffen werden und gleichzeitig die eigenen Staatseinnahmen erhöhen. Das funktionierte aber nur, wenn preußische Rohstoffe auch zuverlässig überall hin transportiert werden konnten. Deshalb nahm das preußische Berg- und Hüttendepartement Anfang der 1770er Jahre die Pläne zur Schiffbarmachung der Ruhr wieder auf. Solche Pläne hatte es schon früher gegeben. Noch 1754 war ein privates Konsortium trotz Verträgen mit Preußen am Widerstand der Abteien Werden und Essen sowie an der Regierung von Jülich - Berg in Düsseldorf gescheitert. 1774 war dieser Widerstand überwunden. Wahrscheinlich hing das auch mit der schwindenden Macht der Reichsabtei Werden zusammen, die 1802 im Zuge der Säkularisation an Preußen fallen würde. 1774 jedenfalls begann Preußen mit dem Bau von Schleusen. Ab 1780 war die Ruhe zwischen Witten und Duisburg Ruhrort schiffbar. Damit waren der Rhein, die niederländischen Hafenstädte wie Rotterdam und schließlich auch Delft als Absatzmarkt für das blaue Farbpulver aus dem Hespertal erreichbar. Die Geschäfte von Kaufmann Offermann liefen gut. Er baute seine Bläufabrik weiter aus. Im Fundament des Gebäudes, das heute die Hausnummer 1 trägt, findet sich die Jahreszahl 1797. Die schiffbare Ruhr sorgte insgesamt für einen wirtschaftlichen Aufschwung, auch im Hespertal. Ebenso scheint sich die Übernahme der Reichsabtei durch Preußen im Jahr 1802 positiv ausgewirkt zu haben. Bürgermeister Schaphaus berichtet jedenfalls, dass die Blaufärberei damals zehn Mitarbeiter beschäftigte, eine für die Zeit beachtliche Zahl. Dr. Körholz ergänzt, dass zeitweise sogar bis zu 40 Männer dort gearbeitet hätten. Der Wert des überwiegend in die Niederlande verkauften Farbpulvers habe jährlich zwischen 15.000 und 18.000 Reichstalern gelegen . Chat GPT sträubt sich zwar etwas bei der Umrechnung, schätzt den heutigen Wert aber auf mehrere Millionen Euro. Kurz innehalten. Hier erreicht die Erfolgsgeschichte ihren Höhepunkt. Durchatmen. Ach, zu einem Detail, das die namenlosen Mitarbeiter betrifft, ist nichts überliefert. Beim Schmelzen von Kobalterzen entstehen arsenhaltige Dämpfe. Für die Mitarbeiter der Blaufabrik dürfte das schwere gesundheitliche Folgen gehabt und ihre Lebenszeit deutlich verkürzt haben. Wie es schließlich 1854 zum Ende der Bläufabrik kam, erzähle ich gleich in geraffter Form. Vorher könnt ihr aber noch einen Trip-Hop-Track hören, den ich die Musik-KI Suno bat, zu meinem Songtext zu errechnen. 1802 ließ die Zeche Wohlgemuth in Kupferdreh als erste Zeche im Ruhrgebiet eine Dampfmaschine bauen. Wirklich zuverlässig funktionierte die neue Technik dort damals aber noch nicht. 1806 besetzten Napoleons Truppen die Region. Die Franzosen führten neue Verwaltungsstrukturen ein, den Napoleonischen Code und die Gewerbefreiheit. Außerdem bauten sie die von Preußen begonnene Provinzialstraße von Werden nach Velbert fertig, die heutige Bundesstraße 224. Diese Straße verlief allerdings weit entfernt vom Hespertal und von der Bläufabrik . Bis 1814 bestimmten die Franzosen in der Region. In dieser Zeit belasteten Kriegswirtschaft, die Kontinentalsperre und viele Kontrollen das Wirtschaftsleben. Nach Napoleons Niederlage übernahm Preußen wieder die Herrschaft. Die beiden Autoren, die in dieser Folge am häufigsten zitiert wurden, beschreiben die Zeit nach den langen Kriegen als eine der wirtschaftlichen Erschöpfung. Viele Betriebe im Hespertal arbeiteten inzwischen mit veralteter Technik und hatten den Anschluss verloren. An anderen Orten produzierten moderne, dampfbetriebene Werke deutlich günstiger. Vor allem verlagerte sich der Kohleabbau nach Norden. Durch die Dampfmaschinen und die damit möglichen Wasserpumpen konnten nun tiefere und wesentlich ergiebigere Kohlevorkommen erschlossen werden. Das Ruhrgebiet entwickelte sich deshalb sehr schnell zum neuen Wirtschaftszentrum und verdrängte die älteren Gewerbegebiete in den Tälern südlich der Ruhr. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im Ruhrgebiet die ersten Eisenbahnstrecken geplant. Die Ruhr verlor gerade mal 50 Jahre nach ihrer Schiffbarmachung ihre Bedeutung als Transportweg wieder. Irgendwie scheint Kaufmann Offermann mit seiner Bläufabrik noch in einer Nische weiter produziert und gehandelt zu haben. Allmählich aber, schreibt Körholz, ging der Absatz zurück 1830 habe der Besitzer das Werk stilllegen lassen und er sei Kaufmann geworden. Da stellt sich allerdings eine Frage. Als die Bläufabrik gegründet wurde, wurde Offermann bereits als Kaufmann bezeichnet. Wenn Körholz also nicht den Nachfolger meint, hätte Offermann erst 57 Jahre lang eine Fabrik betrieben, um danach wieder Kaufmann zu werden. Wegen der insgesamt dünnen Quellenlage gibt es hier eine andere Erklärung. Vielleicht zog sich Offermann einfach aus Altersgründen zurück. Möglich wäre auch, dass es ihm beim Verkauf der Bläufabrik gelang, die Bedeutung eines anderen Problems herunterzuspielen. Nämlich die Tatsache, dass die Alaungrube Aurora im selben Jahr geschlossen wurde. Oder kurz davor stand, geschlossen zu werden. Als endgültiges Datum für die Schließung der Bläufabrik wird meist das Jahr 1854 genannt. Offenbar lief der Betrieb also noch einige Zeit ohne die Grube Aurora weiter. Das endgültige Ende kam wahrscheinlich vor allem durch neue, günstigere und zugleich ungiftige blaue Farbpigmente. Jean-Baptiste Guimet entwickelte ein Verfahren zur künstlichen Herstellung von Ultramarinblau. Dadurch brauchte man keine teuren und kompliziert zu verarbeitenden mineralischen Rohstoffe mehr. 1924 gründete Guimet bei Lyon eine Fabrik. Nun waren es die Preise des Hespertaler Blaus, die deutlich unterboten wurden. Manches kehrt wieder. Auf der Website industriemagazin. de kann man lesen, dass der steigende Bedarf an Kobalt heute eine große Herausforderung ist. Kobalt ist ein wichtiger Rohstoff für Lithium-Ionen-Batterien. Dort erfährt man auch, dass die früheren Abbaugebiete im Erzgebirge derzeit untersucht werden, um zu prüfen, ob dort wieder Kobalt gefördert werden könnte. Wahrscheinlich wird man jedoch die Preise des heutigen Weltmarktführers der Demokratischen Republik Kongo kaum unterbieten können. Deshalb und wegen der Gesundheits- und Arbeitsschutzvorschriften, die man beim Abbau berücksichtigen müsste, wird man sich hier wohl auch nicht allzu sehr ins Zeug legen. Zum Schluss noch eine kleine Ehrenrettung für die Straße "An der Bläufabrik" Früher war sie tatsächlich einmal eine richtige Straße und nicht nur eine kurze, verfallende Sackgasse. Sie führte vom Hespertal hinauf bis zum Kamillusweg. In den späten 1960er Jahren verschwand jedoch der obere Teil der Straße durch landwirtschaftliche Nutzung. Danach hieß etwas das wie eine einzige Straße wirkte, erst "An der Bläufabrik" und wurde dann unvermittelt zum davor abzweigenden "Im Tannenbusch". Deswegen sagte Frau Göke eingangs dieser Folge,
Frau Göke
00:28:57
Bläufabrik heißt unten das kleine Stückchen noch, und dann geht es aber hoch, Tannenbusch.
Hans
00:29:02
Die Straße "Im Tannenbusch" wurde später bis hinunter ins Hespertal verlängert. Von der Straße "An der Bläufabrik" blieb dadurch nur noch eine kleine abzweigende Sackgasse übrig. Wahrscheinlich geschah das vor allem deshalb, weil es in dem betroffenen Zwischenstück keine Gebäude gab. So musste niemand eine neue Adresse bekommen. Geblieben sind also eine verstümmelte Straße, die nicht einmal in der Wikipedia-Liste der Straßen von Heidhausen erwähnt wird, ein paar Gebäude, eine Gedenktafel und ein Straßenschild. Als kleinen Outtake gibt es jetzt noch etwas, das Suno auf das Kommando Speed Metal rausgehauen hat. Keine Sorge, Speed Metal ist es nicht. Es ist sehr viel schlimmer. Allen, die vorher aussteigen und auch den ganz hartgesottenen, die noch dabei bleiben, danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal bei: