Der Name der Straße

Franz Voutta Straße

26.07.2026 78 min

Zusammenfassung & Show Notes

 Franz Voutta, nach dem eine Straße in Essen-Werden benannt ist, verstarb am 17.7.36 in Folge der Misshandlungen, die er in der Haft erlitten hatte. Dies ist ein Versuch, sein Leben und Wirken zu erzählen. 


Neben den einschlägigen Wikipedia Artikeln habe ich vor allem zu Rate gezogen:
 
Schwarzkopf, Thomas: 1920 – Krapp-Putsch und Arbeiteraufstand: die Opfer in Werden in Geschichten aus der Werdener Geschichte Band 23, Herausgeber: Geschichts- und Kulturverein Werden e.V. - S.64ff (2)
 
und  
 
Steinberg, Hans-Josef:
Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945, Hannover 1969, speziell zu Franz Voutta S. 75, 78f
 
Besonderer Dank an Herrn Michael L. Maas vom Historischen Verein für Stadt und Stift Essen e.V. der meine Unsicherheit die Aussprache des Namens Franz Voutta betreffend beseitigt hat. 
 
Stolperstein Nr.336 in der Dudenstraße 24
 
 
mit Link zu einer PDF – Datei
 
Stolperstein, allgemein:
 
Stolperstein Verlegung, WAZ
 
Franz Bracht
 
 
OLG Hamm/ Hammer Stadtarchiv
 
Ferner fanden Verwendung:
Frei, Norbert: Der Führerstaat, 1.Auflage in der Beck`schen Reihe 2013
 
Und 
 
Weiß, Gerhard: Wie eine Republik gerettet wurde und ihren Rettern dankte, Pappy Rossa, Köln, 2021
 
Musik habe ich vor allem hier gefunden:
 
Interpreten in dieser Reihenfolge: Pete Seeger, Blasorchester und Ernst Busch.
 
Die Zeilen aus dem Arbeiterlied „Wann wir schreiten Seit an Seit…“ wurden von der Musik KI Suno auf zwei verschieden Weisen vertont. Eigentlich stammen Text und Erstkomposition aus dem Jahr 1916. - Das Arbeiterlied haben sich mit entsprechenden Textänderungen und manchmal auch Neukompositionen nahezu alle politischen Strömungen von der KPD bis hin zu den Nationalsozialisten angeeignet. Die katholische Version besang „Christus, den Herren der neuen Zeit“.
 
 
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Transkript

Hallo, ich heiße Hans und interessiere mich für Regionalgeschichte. In diesem Podcast geht es um Geschichten hinter den Namen von ausgesuchten Straßen im Süden der Stadt Essen. Neue Folgen gibt es an jedem dritten Freitag des Monats.
Hans
00:00:34
Am 13. August 1932 berichtete die österreichische Zeitung der Abend auf Seite 2 unter dem Titel »Das tägliche Hakenkreuz« über die Polizeiverordnung zur Ergänzung der Badepolizeiverordnung. Die deutsche Reaktionsregierung, so war dort zu lesen, die sich nicht um die täglichen Bombenattentate und Mordüberfälle der Hakenkreuzler kümmert, hat dafür etwas Besseres zu tun. Sie eröffnet einen Kreuzzug gegen die Unsittlichkeit. Es findet sich unter dem Artikel eine Karikatur. Drei Polizisten überprüfen den Badeanzug einer Frau mit zwei Maßbändern darauf, ob er im Rahmen der neuen Vorschriften noch erlaubt ist, während in ihrem Rücken drei uniformierte Schläger »Mit Hakenkreuz binden, unbewaffnete, erschießen, erstechen und Tod prügeln«. Verantwortlich für diese Ergänzung der Badepolizeiverordnung war Franz Bracht. Der war von Dezember 1924 bis 1932 Bürgermeister von Essen Bracht, ein Verwaltungsjurist, hatte vor seiner Zeit in Essen in Berlin als Ministerialrat in verschiedenen Ministerien gearbeitet.Parteilos , später einige Zeit Mitglied der Deutschen Zentrumspartei, die ihn auch zum Bürgermeister von Essen machte, wurde zum Ende der Zwanziger Jahre seine Nähe zur politischen Rechten deutlich. Vielleicht traute er sich jetzt auch einfach nur wieder ganz offen seiner antidemokratisch-konservativen Gesinnung gemäß zu agieren. In einer Sitzung der Essener Stadtverordneten im Januar 1932 wird ein bezeichnendes Zitat von ihm vom SPD-Abgeordneten Dr. Levy kritisiert Bracht hatte in der Nationalzeitung seine Gewaltfantasien die Leitung der KPD-nahen revolutionären Gewerkschaftsopposition betreffend beschrieben. Am Tage nach der Machtübernahme würden die bleichen Knochen der RGO-Führer an den Laternen klappern "Und die der SPD-Bonzen auch! ", ist als Zwischenruf Rudolf Zilkens vermerkt. Der war Stadtverordneter und Kreisleiter der NSDAP. Er wurde wegen seines unmäßigen Alkoholkonsums schon bald und noch vor der endgültigen Machtübernahme der NSDAP abgelöst. Franz Bracht wird in den letzten Monaten der Weimarer Republik noch zum Innenminister des Landes Preußen. Von der Schwerindustrie, der man als Essener Bürgermeister damals wohl nahestehen musste, war er bereits 1931 als Reichsinnenminister vorgeschlagen worden. Den Posten erhielt damals Wilhelm Groener, von dem später noch die Rede sein wird. Jetzt, 1932, hatte der vorletzte Weimarer Reichskanzler Franz von Papen, Franz Bracht, zum Reichskommissar für das Preußische Ministerium des Inneren berufen. Am 20. Juli 1932 hatte er die SPD-geführte, geschäftsführende preußische Landesregierung im Rahmen des auch als "Preußenschlag" bekannten Putsches abgesetzt. Gleichzeitig war Bracht stellvertretender Reichskommissar für Preußen und damit faktisch Regierungschef. Seiner tiefen Sorge um Moral und Sittlichkeit verlieh er mit dem bereits erwähnten Zusatz zur badepolizeilichen Verordnung Ausdruck. Aber er unterstützte Franz von Papen auch bei dessen Versuch, seine Leute in Stellung zu bringen. Den Essener Polizeipräsidenten Kurt Melcher ernannte Pracht zum neuen Polizeichef von Berlin. Er ließ seinen Vorgänger, dessen Vize und den bisherigen Polizeikommandeur verhaften. Sowas gab es auch. Die drei waren Demokraten und Republikaner. Nicht alle unumstritten. Die KPD-Presse bezeichnete den vom SPD-Innenminister Karl Severing geförderten Polizeikommandeur Magnus Heimannsberg wegen seiner Rolle im sogenannten Blutmai des Jahres 1929 als einen "vom kapitalistischen System gedungenen Henker". Von den Nationalsozialisten wurde er zweimal verhaftet, sonst aber weitgehend in Ruhe gelassen. Nach dem Krieg bis zu seiner Pensionierung war er unter anderem Polizeichef von Wiesbaden. Er verstarb 1962. Die beiden anderen vom ehemaligen Essener Polizeichef verhafteten Männer waren Reizfiguren der Nationalsozialisten. Vorgänger . Kurt Mellchers als Berliner Polizeipräsident war Albert Grzezinski. 1931 schlug er vor, Adolf Hitler als unerwünschten Ausländer abzuschieben. Im Februar 1932 bedauerte er bei einer Versammlung der Eisernen Front, dass sich niemand finde, der Hitler mit einer Hundepeitsche aus Deutschland vertreibt. Auch Grzezinski spielte eine unrühmliche Rolle bei den Ereignissen im Blutmai. - Im März 1933 verlässt er Deutschland. Über verschiedene Stationen landet er 1937 in New York, wo er zehn Jahre später verstirbt. Der dritte Verhaftete ist Bernhard Weiß. Wie auch Grzezinski findet sich sein Name auf der ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs vom August 1933. 32 Namen, unter anderem Heinrich Mann, Kurt Kucholsky, Wilhelm Pieck und Otto Wels stehen auf dieser Liste. Als Bernhard Weiß noch im Königreich Preußen als stellvertretender Leiter der Kriminalpolizei anfing, da war er überhaupt der allererste Jude in leitender Funktion in der gesamten Verwaltung des Königreichs. Als Mitglied der linksliberalen DDP blieb er auch in der Weimarer Republik im Amt. Goebbels hatte eigene Schimpfworte für ihn. Sein Hetzblatt der Angriff überzog Weiß mit antisemitischen Diffamierungen. Bernhard Weiß gewann Prozesse gegen Goebbels. Er war einer der Autoren einer Untersuchung zur Verfassungstreue der Nationalsozialisten im Jahre 1930. Das Ergebnis überrascht nicht. Die NSDAP sei eine staatsfeindliche Verbindung und Hitler, Goebbels und andere müssten wegen des Verdachts schwerer Straftaten sowie der Förderung und Zugehörigkeit zu einer staatsfeindlichen Verbindung verfolgt werden. Die Schrift wurde dem zuständigen Reichsanwalt übermittelt. Karl August Werner hieß der. Und wen wundert es? Der ist das Musterbeispiel eines reaktionären Beamten. Seine Liebe zur Republik sei so tief in seinem Herzen versteckt, dass niemand sie finden könne, konnte man 1927 in der Weltbühne lesen. Die Regierung habe das Verbotsverfahren 1930 abgelehnt, weil sie die NSDAP lieber politisch stellen wollte. So ein Artikel von 2025 aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, den ich Wikipedia zitierend anführe. Im März 1933 wird ein Kopfgeld auf Bernhard Weiß ausgesetzt. Einer plündernden Horde konnte er gerade noch durch eine Hintertür entkommen. Seine Flucht führte ihn nach London. Vielleicht meint ihr, wie ich, davon schon mal gehört zu haben. Bernhard Weiß war Vorbild für die Figur des August Benda in der von Volker Kutscher verfassten Krimireihe um den Kommissar Gereon Rath, verfilmt als Babylon Berlin. Nach dem Krieg 1949 besuchte Bernhard Weiß Berlin und äußerte, dass es sein Wunsch sei, hierhin zurückzukommen. Ernst Reuter, Bürgermeister zu dieser Zeit, bot eine beratende Stelle bei der Polizei an, die Bernhard Weiß aber nicht mehr antreten konnte.Er starb kurz vor seiner Wiedereinbürgerung 1951 in London an Krebs. Die Verhaftungen durch den ehemaligen Essener Polizeipräsidenten Kurt Melcher verliefen noch vergleichsweise glimpflich Bernhard Weiß, Albert Grzezinski und Magnus Heimannsberg mussten erklären, sich fortan jeder dienstlichen Tätigkeit zu enthalten. Sie wurden nach ihrer Unterschrift auf freien Fuß gesetzt. Kurt Melcher war nur wenige Monate Polizeichelf von Berlin. In diesem und auch in folgenden Ämtern wurde er immer wieder schnell durch NSDAP-Mitglieder ersetzt. Bis 1944 war er Mitglied eines bedeutungslosen Organs namens Preußischer Staatsrat. Das konnte nichts entscheiden. Es gab wenig Aufwandsentschädigungen. Und die Mitglieder konnten vor allem durch Hermann Göring ernannt und entlassen werden. Weitere Stationen seines Lebens sind nicht überliefert, außer dass er 1970 in Berlin verstarb Franz von Papen, der den Essener Bürgermeister nach Berlin geholt hatte, war nur ein halbes Jahr im Amt. Sein Nachfolger war Kurt von Schleicher, letzter Reichskanzler der Weimarer Republik. Der regierte einen Monat lang. Von Papen hatte dann kurze Zeit später noch ein gutes Jahr als machtloser Vizekanzler von Hitler vor sich. Bevor er in den diplomatischen Dienst nach Wien und später nach Ankara entsandt wurde Seine Vizekanzlerschaft deutete Franz von Papen übrigens später als den Versuch, die NSDAP mit den anderen Koalitionsparteien, der DNVP und dem Stahlhelm einzuramen und Hitler in die Ecke zu drücken. Franz Pracht, der ehemalige Essener Bürgermeister, war noch einen Monat lang Reichsinnenminister. Die Nationalsozialisten hatten keine Verwendung für ihn, er verstarb am 26.09.1933 an einem Herzleiden . Hinter dem Rücken von Kurt Schleicher verhandelte sein Vorgänger von Papen im Auftrag von Reichspräsident Paul von Hindenburg mit Hitler. Der sollte zum Reichskanzler ernannt werden. Von Schleicher wollte den Reichstag ohne Neuwahlen auflösen, also einen Staatsstreich, was Hindenburg ablehnte. Er hatte ja andere Pläne. Von Schleicher trat am 28.09.1933 zurück. Zwei Tage später, am 30.09.1933, ernannte Hindenburg Hitler zum Reichskanzler einer Koalition aus NSDAP, DNVP und Stahlhelm. Noch vor den Neuwahlen am 5.03.1933 werden von Reichspräsident Hindenburg Verordnungen erlassen, die den Weg zur totalitären Diktatur freimachen. Die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des deutschen Volkes vom 4. Februar 1933 setzte Versammlungs- und Pressefreiheit außer Kraft. Sie verbot unter anderem kommunistische und sozialdemokratische Zeitungen und Flugblätter und behinderte so die linke Opposition auch massiv im bevorstehenden Wahlkampf. Diese Verordnung war bereits unter den Papen 1932 vorbereitet worden. Die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28.02.1933 wurde als eine Reaktion auf den Reichstagsbrand verkauft. Sie setzte weitere Grundrechte außer Kraft. Ermöglichte etwa entschädigungslose Enteignung, Haussuchungen, Beschlagnahmungen, Eingriffe in das Brief-, Post- und Fernsprechgeheimnis. Vor allem aber war sie die Grundlage der Schutzhaft. Ohne richterliche Kontrolle konnten Kommunisten und Sozialdemokraten und schnell dann alle irgendwie der Umgestaltung der sogenannten Volksgemeinschaft im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie entgegenstehende Personen inhaftiert werden. Schutzhaft war schnell auch ein Werkzeug bei der Verfolgung der Juden. Haftorte waren häufig Konzentrationslager. Der 57-jährige Sozialdemokrat Franz Voutta, Funktionär der SPD und der Freien Gewerkschaft im Stadtbezirk Essen-Werden, wurde 1933 für etwa sechs Wochen in Schutzhaft genommen. Ende Juli 1933 waren in ganz Deutschland bereits mehr als 26.000 Menschen Opfer dieses Instruments der Unterdrückung. 1935 wurde Franz Voutta erneut festgenommen. Er hatte eine Feier zum Tag der Arbeit organisiert und an dieser teilgenommen. Das war mittlerweile ein Verbrechen. Es reichte, um den Tatbestand der Vorbereitung zum Hochverrat zu erfüllen. Es drohten Strafen von bis zu zehn Jahren Zuchthaus. Franz Voutta wurde im Gefängnis schwer misshandelt. In den städtischen Krankenanstalten Düsseldorf verstarb er am 17. Juli 1936 an den Folgen der Mishandlungen. Seit 1971 gibt es in Essen-Werden die Franz-Voutta-Straße. Am 19.12.2017 wurde in Werden in der Dudenstraße 24 an seinem letzten selbstgewählten Wohnsitz ein Stolperstein verlegt. Geboren wurde Franz Voutta am 20. Januar 1876 im ostpreußischen Mingstimmen, Kreis Gumbinnen. Ein Ort, der heute verlassen ist und im russischen Staatsgebiet sich befinden würde. Wahlen wurden in Mingstimmen von der Deutsch-Konservative Partei gewonnen. Einer monarchistischen antisemitischen Partei, die die Interessen von Adeligen und Großgrundbesitzern vertrat. Eines ihrer Ziele war die Bekämpfung der Sozialdemokratie. Bevorzugt durch das Dreiklassenwahlrecht war die Deutsch-Konservative Partei vor allem in Preußen eine Macht. Wenn man sich jetzt einen Wähler der dritten Abteilung vorstellt. Abteilung hießen die Klassen offiziell: Man wusste, die, die von meinen miserablen Arbeitsbedingungen profitieren, gewinnen die Wahlen mit ihrer Interessenvertretung sowieso. Nicht nur sehr wahrscheinlich. Nein, das war absolut sicher. Warum also wählen gehen? Zumal die Wahl in der dritten Abteilung nicht geheim war. Bis 1900 beschlossen immer mal wieder auch SPD-Parteitage Wahlboykotte. Im Jahr 1900 gab es dann einen Beschluss des SPD-Parteitags in Mainz, der alle Gliederungen verpflichtete, sich an den Wahlen zu beteiligen. Mir wird erst jetzt beim Schreiben bewusst, was es für die Wähler der dritten Abteilung, für die arbeitenden Menschen, bedeutet haben muss, dass sich eine Bewegung bildet, die die eigene Wut, die beschissenen Lebensumstände, die Ungerechtigkeiten benennt, die Ideen, Forderungen, Konzepte hat, eine Bewegung, in der es Menschen gibt, die das formulieren können, die das den Honoratioren der Interessenvertretungen der Besitzenden entgegenhalten können. Man ist nicht mehr irgendetwas weniger wert als das Vieh, man ist Mensch, Teil dieser Bewegung. Vielleicht stellt man fest, dass man selbst reden kann. Oder organisieren. Oder ein Arbeiterlied anstimmen, sodass andere mitsingen. Man hat gemeinsame Symbole. Etwa rote Nelken im Knopfloch. Man feiert zusammen. Und vielleicht macht man auch einfach nur ein Kreuz an der richtigen Stelle. Bei allen Reichstagswahlen zwischen 1871 und 1930 ist die SPD die stimmstärkste Partei. Lange Zeit ist die SPD trotzdem nicht an den Entscheidungen im Land beteiligt. Das verhindern die Ausprägung des Mehrheitswahlrechts und diverse Vorschriften und Maßnahmen gegen die Sozialdemokratie. Aber noch einmal ein kleiner Sprung zurück. Vor den Reichstagswahlen muss dieses Reich erstmal gegründet werden. Das geschah 1871. Nach dem Sieg im Krieg gegen Frankreich wird das Deutsche Reich ausgerufen. Der Reichstag wurde fortan von den über 25-jährigen Männern in derart begrenzt allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Mehrheitswahlen gewählt. Der Reichskanzler wurde allerdings nicht vom Parlament bestimmt, sondern vom Kaiser ernannt. Also, Wilhelm I. und Reichskanzler Otto von Bismarck hatten weiter das Sagen. Die Regierung brauchte aber sowohl bei Gesetzen als auch bei der Verabschiedung des Haushalts die Zustimmung des Parlaments. Das Mehrheitswahlrecht sicherte aber regierungstreue Verhältnisse ab. Hinzu kam, dass auch der Bundesrat die Vertretung der Länder zustimmen musste. Da war die nationalkonservative monarchistische Mehrheit schon durch Preußen und seine unter dem Dreiklassenwahlrecht bestimmten Regierungsvertreter gesichert. Letztlich hatte dieser Bundesrat auch noch das Recht, beim Kaiser um die Auflösung des Reichstags zu bitten. Das kam aber nur viermal und immer nur aus wahltaktischen Gründen vor. Es war nicht nötig, weil der Reichstag etwa renitent geworden wäre. Letztlich wurde die Linientreue des Parlaments auch durch die Sozialistengesetze abgesichert. Voller Name dieser Vorschrift, Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie. Vereine, Versammlungen und Schriften, als deren Zweck der Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung vermutet wurde, wurden verboten. Die Repressionen führten dazu, dass leitende Parteiarbeit teilweise ins Ausland verlagert wurde. Nur die Abgeordneten waren aufgrund ihrer Immunität von Verfolgung ausgeschlossen. Vor allem Reichskanzler von Bismarck sahen den Sozialdemokraten Reichsfeinde. Viel Feind, viel Ehr. Ich kann mir vorstellen, dass die sozialdemokratisch gesinnten Menschen durch derartige Repressalien auch beschlügelt wurden. Insoweit, als sie jetzt als Gegner, als Opposition ernst genommen wurden. Die Vertreter der Unverrückbaren, Konser, Monarchisten und Besitzenden gaben zu erkennen, dass sie selbst einen Umsturz nicht mehr für völlig ausgeschlossen hielten. Die Sozialdemokratie bestand zu dieser Zeit aus zwei Parteien. 1863 war der reformorientierte Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, kurz ADAV, gegründet worden. Eher marxistisch-revolutionär agierte seit 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die SDAP. Die Annäherung der Parteien fand einen Grund darin, dass der preußenfreundliche Vorsitzende des eher reformorientierten ADAV zurücktreten musste, nachdem geheime Absprachen zwischen ihm und der Regierung publik wurden. 1875 vereinigten sich die sozialdemokratischen Parteien in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Im Oktober 1890 dann, in Halle an der Saale, die Umbenennung und damit die Gründung der SPD, der damit ältesten heute noch bestehenden Partei Deutschlands. Einige Monate zuvor, im Januar 1890, war eine Verlängerung der Sozialistengesetze im Reichstag gescheitert. Kaiser war seit dem Tod Wilhelms I. am 9. März 1888 Wilhelm II. Der sympathisierte eher mit den Gegnern der Sozialistengesetze. Auch sonst gab es Meinungsverschiedenheiten mit seinem Reichskanzler. Am 18. März 1890 reichte deshalb Bismarck sein Entlassungsgesuch ein Bereits im Februar des Jahres 1890 hatten die Sozialdemokraten ihren Stimmenanteil bei den Reichstagswahlen noch einmal erhöhen können. Franz Voutta war damals gerade 14 Jahre alt. Es ist nicht überliefert, ob die gerade angerissenen Ereignisse von ihm wahrgenommen wurden, ob sie einen Einfluss auf ihn hatten. Bis zu seiner ersten Stimmabgabe bei einer Wahl musste er noch elf Jahre warten. Aber damals war 14 das Einstiegsalter in vielen handwerklichen Berufen. Man kam in die Lehre und war damit wahrscheinlich erwachsener und früher eingebunden, als man das heute gemeinhin mit 14 ist. Es ist auch nicht überliefert, ob sein familiäres Umfeld Einfluss auf seine politische Entwicklung hatte. Bekannt ist aber, Franz Voutta ist 1903 mit 27 Jahren der SPD beigetreten. Er war selbstständiger Schreiner und lebte in Werden bei Essen. Im selben Jahr spielte er eine führende Rolle beim Streik in der Holzindustrie. Die Firma Döllken Holzhandel und Verarbeitung war einer der wenigen großen Arbeitgeber mit mehr als 100 Beschäftigten. 30 Jahre ist Franz Wutter, als er 1906 Helene Holdermann aus Dinslaken heiratet. Das Ehepaar zieht eine Tochter und zwei Söhne groß. Die Aussicht auf einen Sitz in der Werdener Stadtverordnetenversammlung hatte Franz Wutter als SPD-Mitglied bis zum Ende der Kaiserzeit nicht. Werden war Teil des Landes Preußen. Auch bei kommunalen Wahlen galt also das Dreiklassenwahlrecht. Die besitzenden Bürger hatten das Sagen. Konservative in Werden, auch katholische Kräfte, bestimmten das Geschehen. Das Zentrum und die liberale DDP waren die einflussreichsten Parteien. Ihnen verdankte der parteilose Joseph Breuer, ein klassisch geprägter Kommunalbeamter, seinen Posten als hauptamtlicher Bürgermeister. 1904, einstimmig gewählt, blieb er über die Wirren der Zeit hinweg bis zur Eingemeindung Essens nach Werden im August 1929 im Amt. Diese Wirren der Zeit müssen noch kurz angerissen werden, damit die Rolle, die Franz Voutta bei den Geschehnissen nach dem Ersten Weltkrieg spielt, verständlich wird. Wenn man ein Datum nennen möchte, am 4. August 1914 beginnt der Erste Weltkrieg. Kaiser Wilhelm II. hielt eine Rede, in der er mit den folgenden Worten alle Parteien aufrief, sich in den Dienst der nationalen Sache zu stellen. »Ich kenne keine Parteien mehr. Ich kenne nur noch Deutsche. Zum Zeichen dessen, dass sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschied, ohne Stammesunterschied, ohne Konfessionsunterschied durchzuhalten, mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod zu gehen, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir das in die Hand zu geloben. « Eine Mehrheit in der SPD befürwortete diesen Burgfrieden. Ich erinnere kurz daran, dass der Erste Weltkrieg anfangs in weiten Teilen der Bevölkerung auf Zustimmung oder gar auf Begeisterung stieß. Die verflog schnell. Zäher Stellungskrieg. Erstmals werden moderne Waffen eingesetzt. Massensterben . Nicht nur, aber vornehmlich linke Kräfte der SPD, unter anderem Karl Liebknecht, wandten sich in der Folgezeit ab. Stimmten etwa gegen Kriegskredite oder nahmen an Abstimmungen darüber nicht teil. Aus einer von der SPD abgespaltenen Fraktionsgemeinschaft, der SAP, wurde im April 1917 die USPD, die unabhängige SPD. Klingt nach Splittergruppe. Diese Partei hatte aber 1920 ganz kurze Zeit mal fast 900.000 Mitglieder. Eine eigene Gruppe in der USPD war der Spartakusbund, aus dem sich 1919 die KPD bildete. Die USPD spielte eine führende Rolle bei Massenstreiks im April 1917 und im Januar 1918. 1918 am 3. November Kieler Matrosenaufstand. Obwohl der Krieg verloren war, sollten Marineverbände in einen sicheren und völlig sinnlosen Tod geschickt werden. Der Aufstand breitete sich innerhalb weniger Tage in ganz Deutschland aus. Die MSPD . forderte den Reichskanzler Max von Baden am 7. November auf, den Kaiser zur Abdankung zu bewegen. Nur so könne man die Revolution noch aufhalten. Am 9. November gingen die Arbeiter der Berliner Großbetriebe in den Generalstreik. Menschenmassen mit roten Fahnen zogen durch die Straßen. Reichskanzler Max von Baden verkündete eigenmächtig die Abdankung des Kaisers und den Thronverzicht des Kronprinzen und übergab kurz darauf sein Amt an Friedrich Ebert. Philipp Scheidemann rief ohne Abstimmung mit Friedrich Ebert die Deutsche Republik aus. Zwei Stunden später proklamierte Karl Liebknecht vom Spartakusbund die Freie Sozialistische Republik Deutschland. Die beiden sozialdemokratischen Parteien MSPD und USPD bildeten am 10. Nove einen gemeinsamen Rat der Volksbeauftragten. Karl Liebknecht hatte keinen Erfolg mit seiner Forderung, die MSPD außen vorzulassen. Am frühen Morgen des 11. November wird mit dem Waffenstillstand der Erste Weltkrieg beendet. In diesen Tagen wird auch in Werden ein Arbeiter- und Bauernrat gebildet. Vorsitzender ist Franz Voutta. In Berlin wurden die großen Entscheidungen getroffen. Der Rat der Volksbeauftragten, die provisorische Revolutionsregierung, schrieb Wahlen zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung aus. Eine Mehrheit votierte damit für eine parlamentarische Demokratie. Die Ideen des Spartakusbundes, die auf Einführung einer Räterepublik zielten, fanden keine Mehrheit. Die Mehrheit, also verkürzt die SPD, fürchtete einen Bürgerkrieg und hoffte durch Einbeziehung nicht nur der bürgerlichen Parteien, sondern auch der alten, national-konservativen, ja monarchistischen Eliten in Verwaltung und Rechtsprechung Deutschland zu versöhnen. Sie gingen dabei auch ein Bündnis mit der obersten Heeresleitung ein. Im geheimen Ebert-Groener-Pakt vereinbarten Friedrich Ebert und General Wilhelm Groener ein gemeinsames Vorgehen gegen bolschewistische Gruppierungen. Wilhelm Groener. Der Name fiel anfangs schon mal. Er war derjenige, der 1931 dem Essener Bürgermeister Franz Bracht als neuer Reichsinnenminister vorgezogen wurde. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sollte eigentlich ein Großteil der militärischen Einheiten aufgelöst werden. Die Soldaten hatten oft nichts anderes gelernt. Sie fanden keine Arbeit, keinen Platz in der im Umbruch befindlichen Gesellschaft. Es bildeten sich sogenannte Freikorps, die der Reichswehr unterstellt waren. Oft waren diese aber illegal, unerwünscht, sie bestanden aber trotzdem weiter, sollten aufgelöst werden, was, da sie bewaffnet, kampferprobt und gewaltbereit, um nicht zu sagen verroht waren, sich schwierig bis unmöglich gestaltete. Sie erhielten trotzdem Aufträge, meist dann, wenn es blutig zugehen sollte. Oft war deshalb auch nicht eindeutig klar, wer ihnen Aufträge erteilt hatte oder ob es die tatsächlich gegeben hatte. In Kettwig und Werden war eine Zeit lang das Freikorps Pfeffer stationiert. Das konnte man loswerden. Es wurde in das Freikorps Schulz integriert, das in Mülheim nicht willkommen, aber stationiert war. Anfang 1920 bestand es aus 1000 Mann. Der Kommandant, Siegfried Schulz, war ein 40-jähriger, antidemokratischer, antisemitischer und gewaltverherrlichender Offizier. Freikorps waren es auch, die man losließ, um den sogenannten Spartakusaufstand 1919 niederzuschlagen. Bei den Kämpfen in Berlin und München kamen mindestens 2400 Menschen ums Leben. Brutal ermordet wurden von Freikorps Soldaten am 5. Januar 1919 auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Vier Tage später, am 19. Januar, fanden die Wahlen zur deutschen Nationalversammlung statt. Friedrich Ebert wird der erste demokratisch gewählte Reichskanzler. Die SPD wird in der Weimarer Republik noch drei weitere Regierungschefs stellen. In Werden erreichten bei dieser Wahl die MSPD 17,6 und die USPD 16,7 Prozent der Stimmen. Stärkste Kraft blieb das Zentrum mit 46,2 Prozent. 3.014 Stimmen gegenüber 1.247 linken Wählern. Während ein Zusammenschluss, der sich Nationaler Verein nannte, unter anderem war die DNVP vertreten, keine 15 Jahre später eine der beiden nationalkonservativen Parteien, mit denen Vizekanzler von Papen Hitler einrahmen und an die Wand drücken wollte, dieser Zusammenschluss überzeugte 487 Werdener. Kann man aus der enormen Wahlbeteiligung von 93,5 Prozent schließen? Dass die Mehrheit der Werdener die Entwicklung hin zur parlamentarischen Demokratie begrüßten? Dass sie nach den Kriegsjahren Ruhe, Ordnung und Normalität wünschten? Oder vielleicht sollte alles auch nur wieder irgendwie so werden wie vor dem Krieg, nur eben ohne Kaiser, der war ja in die Niederlande geflohen. Vielleicht gingen auch einige Werdener von einer Wahlpflicht aus. Spielte es eine Rolle, dass erstmals auch Frauen wählen durften und sie dieses Recht begeistert ausübten? Jedenfalls erstaunlich, eine Wahlbeteiligung von 93,5% bei freien Wahlen. Nur 475 der 7000 wahlberechtigten Werdener gaben keine Stimme ab. In der Mitte des Jahres 1919 beschloss eine Mehrheit der Werdener Stadtverordneten, dass die finanzielle Unterstützung des Arbeiterrates und damit dieser und seine Beteiligung an der Stadtverwaltung einzustellen sei. Franz Voutta, der Vorsitzende des Arbeiterrates, wird im November Volkskommissar für den Landkreis Essen und er arbeitet im Büro eines Landrates. Am 10. Januar 1920 wurde der Friedensvertrag von Versailles geschlossen. Aus Sicht nationalkonservativer, militaristisch-autoritärer Kräfte hatte das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg ja eigentlich sowieso nicht verloren. Sondern linke Kräfte waren der Heeresleitung und damit dem deutschen Volk durch ihre Kapitulation in den Rücken gefallen. Ein Schwachsinn, von dem ihr im Geschichtsunterricht schon mal unter dem Stichwort Dolchstoßlegende gehört haben könntet. Dem neuen System, der Demokratie und der SPD wurde die Schuld daran gegeben, dass die vielen jungen Männer nicht als siegreiche Helden ins Deutsche Reich zurückkamen. Die enormen Belastungen, denen sie im Krieg ausgesetzt waren, waren nutzlos gewesen. Und in Freikorps fanden sie eine Heimat, fanden sie Gleichgesinnte. Die offensichtliche, aber gern geglaubte Propagandalüge von der Schuld des neuen Systems und der schnell wachsende Hass auf den als Diktatfrieden bekämpften Versailler-Vertrag, der unter anderem Regelungen zur Demilitarisierung des Deutschen Reichs enthielt, Regelungen, die nie wirklich durchgesetzt oder eingehalten wurden, aber auch damit konnten rechtsgerichtete Politiker in den folgenden Jahren ihre Anhänger zusammenschweißen und aufstacheln. Anfang März des Jahres 1920, bei der Wahl der werdenden Stadtverordneten, ließ die Wahlbereitschaft bereits etwas nach. Das Zentrum blieb trotz Stimmenverlusten mit 39,6% stärkste Kraft. Konnte etwa, wie vor dem Krieg auch schon, mit den, heute würde man sagen, Linksliberalen von der DDP regieren. Und die Liste Eschen, unter der die beiden SPD-Flügel sich zusammengetan zu haben, scheinen sie hielt den Stimmenanteil, kam auf 34,3%. Das bedeutete, 10 von 30 Stadtverordneten, darunter erstmals in der Geschichte Werdens auch zwei Frauen, stellte die SPD. Am 13. März 1920 kam es zum Kapp-Butsch. Reichswehrminister Noske von der MSPD entzog am 10. März 1920 dem General Walter von Lüttwitz, Oberbefehlshaber der vorläufigen Reichswehr, das Kommando über die Marinebrigade Erhard. Von Lüttwitz hatte sich geweigert, diese Brigade aufzulösen. Das sollte infolge der vom Versailler-Vertrag geforderten Truppenreduzierung geschehen. Es kursierten aber auch immer wieder Putschgerüchte, bei denen die schlagkräftige, 5000-Mann-starke und berlinnah stationierte Brigade Erhard eine Rolle spielte. Und ihre Gesinnung brachten sie auch in einem Lied zum Ausdruck. Ich zitiere. "Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz-weiß-rotes Band, die Brigade Erhard werden wir genannt". In Strophe 2 wird es dann noch etwas direkter. " Brigade Erhard schlägt alles kurz und klein, hüte dich, ja hüte dich, du Arbeiterschwein". Am 10. März wurde General von Trotha beauftragt, den Auflösungsbefehl zu vollziehen. Am 13. März besetzte die Marinebrigade Erhard Berlin. General von Lüttwitz übernahm die militärische Leitung dieses Putsches. Politisch war der preußische Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp als neuer Reichskanzler vorgesehen. Dieser Titel lässt dessen Träger aus heutiger Sicht eher wie eine lächerliche Figur wirken. Aber Kapp war Rittergutsbesitzer, Oberregierungsrat, saß im Bundesvorstand der DNVP und im Aufsichtsrat der Deutschen Bank und er hatte wohl auch deshalb gute Beziehungen zu Bankiers und Großindustriellen . Auf das Landgut von Hugo Stinnes in Schweden flüchtete sich Kapp nach dem Scheitern der Aktion. Stinnes war auch Finanzier der Nationalen Vereinigung, die als zivile organisatorische Zentrale des Putsches galt. Im Hintergrund unterstützte General von Ludendorff die Aktion. Es gibt auch Historiker, die meinen, in ihm den eigentlichen Anführer ausmachen zu können. Erich Ludendorff hat im Ersten Weltkrieg Karriere gemacht. In der Tannenbergschlacht Ruhm gewonnen, war er seit 1916 als General unter Hindenburg Teil der Obersten Heeresleitung. Und er hatte den militärischen Fehlschlag der sogenannten Frühjahrsoffensive 1918 zu verantworten. Danach, im Oktober 1918, konnte er sich mit seinem Plan, einen Scheinparlamentarismus im Deutschen Reich einzuführen und die demokratischen Kräfte, insbesondere die Sozialdemokraten, die Kapitulation unterschreiben zu lassen und ihnen die Schuld an der jetzt wohl für ihn bereits unvermeidlich erscheinenden Niederlage zuzuschieben, nicht durchsetzen. Es kam dann doch irgendwie so. Und die zuvor konstruierte Lügengeschichte von der Schuld der Demokraten und Sozialdemokraten an der Niederlage im Weltkrieg, von Historikern Dolchstoßlegende genannt, wurde dann doch eifrig benutzt, im Kampf gegen ein menschliches, demokratisches, deutsches Reich. Am 13. März ist die Brigade Eberhard in Berlin einmarschiert stark genug, um die demokratisch gewählte Regierung erst einmal in die Flucht zu schlagen. Die zieht sich zum größten Teil nach Stuttgart zurück. Der Reichswehrminister bespricht sich mit der Heeresleitung. Nur einer spricht sich für einen Einsatz gegen die Putschisten aus. Der Chef des Truppenamtes, Hans von Seeckt, hingegen wird mit dem nicht sicher belegbaren, aber bekannt gewordenen Satz zitiert, "Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr". Es gibt in der Reichswehr offene Unterstützung für den Putsch. Das Freikorps Schulz in Mühlheim etwa hießt sofort die schwarz-weiß-rote Flagge des Kaiserreichs zum Zeichen der Unterstützung. Große Teile der Reichswehr und gerade auch der Führung verhalten sich aber trotz ihrer Sympathien für den Putsch erst mal abwartend. So auch General Oskar von Watter, Oberkommandierender über alle westfälischen Einheiten, also auch das Mühlheimer Freikorps. Er verkündete, dass er im vaterländischen Interesse für Ruhe und Ordnung sorgen werde. Lediglich in Württemberg und Baden versagte die Reichswehrführung der Putsch-Regierung die Unterstützung. So könne man mit größtem Vorbehalt wohl sagen, lese ich bei Gerhard Weiß. Deswegen die Flucht der Regierung nach Stuttgart. Wie findet der Putsch aber nun seine siegreichen Gegner? Am Vormittag des 13. März wurde ein Aufruf des Pressechefs der Reichskanzlei Ulrich Rauscher zum Generalstreik im Namen des Reichspräsidenten von SPD-Ministern und der Fraktion verbreitet. Die Gewerkschaften schlossen sich an. Die USPD und nach kurzem Zögern sogar die KPD. Eine solche Einheit unter den Linken ist nicht üblich. Dieser Generalstreik ist der größte in der deutschen Geschichte. Er erfasste am Sonntag, dem 14. März, bereits vollständig Berlin und breitete sich am Montag über die ganze Republik aus und legte die öffentliche Versorgung komplett lahm. Ein Unterstaatssekretär verweigerte sogar die Auszahlung des Soldes an die Putschisten. Auch in Werden wurde gestreikt. Franz Voutta war Leiter des Vollzugsrats, der am Sonntag, dem 14. März, den Generalstreik vorbereitete. Am 15. März hielt er eine Rede vor Demonstranten. Bis 13 Uhr sollten die Einwohnerwehren ihre Waffen abgegeben haben. Um 14 Uhr war eine weitere Versammlung vor dem Rathaus geplant. Von den Einwohnerwehren musste man befürchten, dass sie eher eine putschfreundliche Haltung einnahmen. Arbeiter durften bei ihnen nicht Mitglied werden. Tatsächlich rief deren Wehrführer seine Leute für den Abend des Folgetages zum Antreten mit der Waffe im Rathaus auf. Er betonte aber in der Lokalpresse, dass es der Einwohnerwehr nur um Ruhe und Ordnung und den Einsatz gegen unlautere Elemente gehe, die auf Raub und Plünderung ausseihen. Zwei Demonstrationszüge bewegten sich unter den Klängen der Marseillaise am Montag gegen 14 Uhr auf das Rathaus zu. Einer der Züge staute sich vor diesem. Von der Ruhr her, für Leute, die Werden kennen, über die heutige Brückstraße, kam ein Trupp mit etwa 50 Mann bewaffnet mit Maschinengewehren. Die Demonstrierenden wurden aufgefordert, das Gelände zu räumen. Die Demonstrierenden, die ja dem Aufruf eines Teils der Reichsregierung folgend zur Verteidigung der Demokratie sich zusammengefunden hatten, sollten auf Befehl von 50 halblegalen Freikorps Leuten, die den illegalen Putsch unterstützten, ihre Zusammenkunft beenden. Das Freikorps sorgte also keineswegs für Ruhe und Ordnung. Es bezog Stellung auf Seiten der Putschisten. Trotzdem und trotz der folgenden Ereignisse wurde dem Freikorps von Seiten der Lokalpresse, also von der Werdener Zeitung, zumindest eine stark beschönigende Berichterstattung zuteil. Es finden sich aber nur in dieser Zeitung unmittelbare Berichte über die Geschehnisse. Das, so vermutet Thomas Schwarzkopf, der Verfasser des Textes, dem ich bei dieser Darstellung folge, könne daran liegen, dass in Werden damals eine von sehr vielen gewalttätigen Krisen stattgefunden habe. Am gleichen Tag etwa seien in Essen fünf Menschen von der Sicherheitspolizei ermordet worden. Die Werdener Arbeiter, so jetzt wieder die Werdener Zeitung, seien auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen von Streikposten abgefangen, an der Aufnahme ihrer Arbeit gehindert und zu einer Versammlung beordert worden. Auf dieser sei in Generalstreik, die Bildung von Arbeiterräten, die Entwaffnung der Einwohnerwehr und Anschluss des Reiches an Russland gefordert worden. So beschrieb die Werdener Zeitung den Beginn des Streiks, ohne darauf einzugehen, dass dieser im gesamten Deutschen Reich stattfand und der Verteidigung der gewählten Regierung und der Jungen Republik mit den durchgesetzten Rechten wie etwa dem Acht-Stunden-Tag diente. Franz Voutta war Mitglied der MSPD. Ihm wurden Worte in den Mund gelegt, die ein KPD-Anhänger jener Zeit benutzen würde. MSPD und KPD waren politisch und inhaltlich verfeindet. Franz Voutta hatte immer betont, sein Ziel sei es, der neuen Regierung beim Wiederaufbau zu helfen. Er sei kein Bolschewik. Die Werdener Zeitung wollte aber auch später noch gehört haben, dass Franz Voutta die Diktatur des Proletariats gefordert hat. In der Werdener Zeitung ist zu lesen, dass bei einer Stadtverordnetenversammliung bürgerliche Vertreter meinten, dass das schroffe und aufhetzende Vorgehen des Herrn Voutta dazu beigetragen habe, die Lage zu verschärfen. Es sei sogar, berichtet die Werdener Zeitung weiter, von der Stadtversammlung, die Meinung geäußert worden, dass die Truppen als Folge der Aktivitäten von Herrn Voutta nach Werden gekommen seien. Indem sie irgendeinen ungenannten national-konservativen Stadtverordneten zitiert, Vermittelt die Zeitung so den Eindruck, die Stadtverordnetenversammlung denke in der Frage der Verantwortung wie sie. Franz Voutta habe einen sehr großen Teil davon zu tragen. Kein Wort davon, dass Franz Voutta seine offensichtlich vorhandenen organisatorischen und rhetorischen Talente in vorbildlicher Weise einsetzte, damit Werden und die Werdener Arbeiter Teil sein konnten, Teil der Massen, die die junge Demokratie gegen gewaltbereite Putschisten verteidigte. Kein Wort davon, dass die Freikorpsoldaten als gewaltbereite Putschisten nach Werden kamen und dass sie damit von vornherein einfach nur im Unrecht waren. Sie nahmen an einem Versuch des bewaffneten Umsturzes der gewählten Regierung teil. Die Werdener Zeitung beschrieb hingegen Reichswehrtruppen, die am 15. März mit Maschinengewehren gegen die Demonstrierenden in Stellung gingen. Es müsse sich deutlich erkennbar um Angehörige des Freikorps Schulz gehandelt haben, schreibt Thomas Schwarzkopf. Das zu erkennen, hätte der Werdener Zeitung aber nicht ins Konzept gepasst. Sie wollten keine Putschisten, sondern um Ruhe und Ordnung besorgte Staatsgewalt hinter den Maschinengewehren sehen. Die Aufforderung des Führers der aufmarschierten Truppe, den Platz zu räumen, wurde nicht befolgt. Es wurden Schreckschüsse abgegeben. Zitiere ich Schwarzkopf, der die einzige zeitgenössische Quelle, die Werdener Zeitung, zitiert. Aus der Menge heraus sei aus Pistolen zurückgeschossen worden. Todesmutig. Mit Pistolen über die Köpfe einer Menge hinweg auf gewalterprobte Menschen mit Maschinengewehren zu schießen. Aber naja, steht ja so in der Zeitung. In der Werdener. Und die betonte, eine Menge Zeugen hätte das einwandfrei festgestellt. Ließt man solche Bekräftigungsvokabeln, wie eine Menge und einwandfrei, nicht immer gerade dann, wenn etwas zusammengelogen wird? Einer der todesmutigen Pistoleros jedenfalls traf angeblich über die Köpfe der Menge hinweg die Koppel eines der ehrenwerten Soldaten. Darin befand sich Munition, die mit einem lauten Knall explodierte. Sein Nebenmann wurde dadurch so erschüttert, dass er "erst jetzt", nach all den gemeinen Schüssen aus der Menge und, wenn man jetzt noch bedenkt, dass für diese Soldaten die Demonstrierenden ja Arbeiterschweine waren, und trotzdem hielten sie sich so tapfer zurück, und "erst jetzt" richtete einer von ihnen seine Waffe gegen die Gruppe, aus der genau dieser Schuss gefallen war. Und er streckte bedauerlicherweise harmlose Zuschauer nieder, so die Zeitung Ernst Hesse ist sofort tot. Julie Böllinger stirbt am 16. März nach einem Hals- und Lungenschuss im Krankenhaus. Die Menge, laut der Werdener also ganz eindeutig mitschuldig, löst sich auf. Die Truppe sicherte, man fragt sich wovor, es wird aber so beschrieben, sie sicherte Straßenkreuzungen mit ihren Maschinengewehren und starke Streifen durchzogen die Straßen. Etwa 600 Meter vom Rathaus entfernt wurden vom Porthofplatz aus zwei Zivilisten auf eine Entfernung von 100 Metern mit Kopfschüssen von einem Soldaten ermordet. Über Mitschuldige wurde in diesem Fall auch in der Werdener nicht spekuliert. Waren es Nachwirkungen des lauten Knalls auf dem Rathausplatz? Oder wollte vielleicht ein völlig verrohter, menschenverachtender Schießkünstler seine Treffsicherheit unter Beweis stellen und sich so zum König der Siegesfeier in der Kaserne machen? Die Namen seiner Opfer lauten Hermann Hermanns und Paul Schwarz. Heftige Kritik an der Berichterstattung der Werdener Zeitung fand sich am 20. März in der Essener Arbeiterzeitung. Die stellte fest, dass auch der Berichterstatter das Freikorps Schulz als solches erkannt haben musste. Und er hätte auch erkennen müssen, dass diese Truppen die Berliner Putschisten unterstützen. Und dann fragte der Kritiker, wie will die Werdener Zeitung als Zentrumsblatt ihre Haltung verantworten? Oder ist sie auch Anhänger dieser Rechtsparasiten? "Möglich ist in Werden", so der Kritiker, "... alles". Es gab auch von Lesern der Werdener Zeitung Kritik an der Berichterstattung über die Ereignisse am 15. März. Am 19. März war in der Werdener eine Stellungnahme dazu zu lesen. "Von verschiedenen Seiten wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass unser Bericht in der Dienstagsnummer in einzelnen Teilen den wirklichen Vorgängen nicht entspreche. ". Man blieb aber vage, hatte sich nichts vorzuwerfen, stellte nichts klar oder infrage Und wollte trotzdem nichts untersucht lassen, auch unsererseits dahin mitzuwirken, dass volle Klarheit geschaffen wird. Man verlieh auch der Hoffnung Ausdruck, dass die Untersuchung mit denkbarster Beschleunigung geführt wird. Das wollte natürlich auch die Stadtverordnetenversammlung. Die, ich füge nochmal hinzu, aus heutiger Sicht linksliberale DDP, gab als einzige Partei in der Werdener Zeitung eine Erklärung ab, die die Schuldigen eindeutig benannte. Die DDP verurteilte den von reaktionären Politikern und Offizieren versuchten Staatsstreich auf das Schärfste. Unter großer Anteilnahme wurden die vier Toten beerdigt. Es wurden Reden gehalten. Die Untersuchung der Vorfälle zog ein Kriegsgericht an sich. Von diesen Untersuchungen hat nie wieder irgendjemand etwas gehört. Zumal die führenden Offiziere, Major Siegfried Schulz und dessen Chef Oskar von Watter, ja an dem Tag auch irgendwie woanders zu tun hatten. Schulz etwa war nach Wesel beordert worden. Eigentlich Ausreden, die ein ordentliches Militärgericht bestenfalls als Entlassungsgesuch werten kann "Ich war gerade mal nicht in der Kaserne und da hat meine Truppe irgendwo vier Unschuldige erschossen, ohne dass ich irgendetwas davon wusste". Da muss es sich dann ja wohl um irgendeine Art von militärischer Führungskraft handeln, die ein Zivilist nicht verstehen kann. Ein gutes halbes Jahr später, im Oktober 1920, berichtete die Berliner Zeitung von der Begeisterung vieler Zuschauer auf dem Sportplatz in Werden. Das Freikorps Pfeffer der Teil des Freikorps Schulz, der mal hier stationiert gewesen war, unternahm eine Übung. Sogar Siegfried Schulz war anwesend. Der Kapp-Putsch endete am 17. März. Kapp floh im Flugzeug nach Schweden und fand Unterschlupf auf dem Landgut von Hugo Stinnes. Am 18. März wurde die Arbeit in Werden wieder aufgenommen. Im Ruhrgebiet war noch nicht Schluss. Aus dem Widerstand gegen den Putsch heraus kam es zum Ruhrkampf. Der Roten Ruhr Armee, deren Stärke aus den später abgegebenen Gewehren auf etwa 50.000 Angehörige geschätzt wurde, gelang es binnen weniger Tage, die bewaffneten Ordnungskräfte im Revier zu besiegen und zum Rückzug zu zwingen. Am 19. März hatte die Rote Armee fast das gesamte Ruhrgebiet eingenommen. Ein provisorischer Vollzugsrat, der Arbeiter, habe seinen Sitz im Amtszimmer 11 im Rathaus, ist in der Werdener Zeitung zu lesen. Am 19. März übergab Bürgermeister Breuer die Vollzugsgewalt in Werden an den Führer der Arbeiterorganisation Franz Voutta. Kämpfe gab es in Werden keine. Der Vollzugsrat kümmerte sich um gerechte Verteilung von Lebensmitteln und um die Sicherheit und Ordnung. Die Sicherheitspolizei, die sich seit dem Abend des 15. März in Werden befand, zog ab. Deren Anordnungen wurden aufgehoben. Die Landwehr sollte als aufgelöst betrachtet werden und ihre Waffen bis zum Morgen des 20. März abgeben. Die Arbeiterschaft war für die Sicherheit der Bewohner zuständig. Eine Zeit lang wurde über die Bildung einer Ortswehr nachgedacht. Es dürfe auf keinen Fall zu Plünderungen kommen, verkündete Franz Voutta vom Balkon des Rathauses. Jeder, der hierbei angetroffen werde, verdiene am nächsten Laternenpfahl, aufgehängt zu werden. Es wurden für den darauffolgenden Mittwoch Wahlen zum Vollzugsrat angesetzt. Kurz nach Ende der Versammlung waren Schüsse zu hören. Gefangene der nahegelegenen Strafanstalt hatten es ausgenutzt, dass die Sicherheitspolizei abgezogen und die Wachmannschaft reduziert worden war. Die Revolte war gegen 20 Uhr beendet. Dank der Arbeiterwehr unterstützt von Freiwilligen und unter Verwendung von Waffen aus dem Rathaus. Zwei Bürger und ein Strafgefangener wurden erschossen. Dessen Name ist nicht überliefert. Die Namen der Bürger finden sich in einem Bericht des Strafanstaltsleiters. Johann Biermann und Josef Krause. Es dauerte bis zum 30. März. Nach langer Diskussion stimmte die Stadtverordnetenversammlung der Kostenübernahme für die Sicherheitsmannschaften im Gefängnis zu. Der Stadtverordnete Ernst Simon von der Deutschen Demokratischen Partei, der DDP, war auch Mitinhaber des Holzhandels- und Verarbeitungsunternehmens Dölken. Er versicherte, dass die Werdener Industrie sich an den Kosten beteiligen werde. Noch einmal sechs Tage zurück. Am 24. März wurde das Bielefelder Abkommen geschlossen. Ziel, den Ruhrkampf zu beenden. Ein Teil der Aufständischen hält die Regelungen für akzeptabel. Es gibt aber auch vor allem von linkeren, KPD näheren Kämpfern den Wunsch nachzuverhandeln und es gibt auch klare Ablehnung. Der schon mal erwähnte, General Oskar von Watter, zwingt den Aufständischen dann die Ablehnung des Abkommens auf. Er verschärft die Forderungen, will, dass die Rote Ruhr Armee alle Waffen bis zum 30. März abgegeben haben muss. Nachdem dieses Ultimatum, wie zu erwarten war, nicht eingehalten wurde, gingen Reichswehreinheiten von Norden her gegen die Rote Ruhr Armee vor. Beteiligt waren auch Freikorpseinheiten, die kurz zuvor den Kapp-Putsch unterstützt hatten. Die Militäreinheiten waren haushoch überlegen. Es kam trotzdem zu Massakern und zu willkürlichen Erschießungen, was auch Karl Severing, ein konservativer SPD-Mann, Mitverhandler des Bielefelder Abkommens und Kommissar sowohl des Reichs als auch Preußens für das Ruhrgebiet eingestehen musste. Man sprach von Weißem Terror. Weil viele Tote in Massengräbern verscharrt worden sind, kann die Zahl der Toten nur geschätzt werden. Zahlen von 1.500 bis hin zu 3.000 Opfern werden genannt. Die Kämpfe führten auch dazu, dass in Hamborn kein Gas mehr produziert und deshalb die Werdener Zeitung einige Tage lang nicht erscheinen konnte. Die im Folgenden angerissenen Geschehnisse am 7. April wurden durch die handschriftlichen Notizen von Albert Mittweg überliefert. Teile der Roten Armee kamen auf ihrem Rückzug durch Werden. Auf dem Marxplatz fiel ein Schuss. Franz Voutta holte den Schützen ins Rathaus, man verhandelte. Die von Mittweg "Rotarmisten" genannten Kämpfer ziehen weiter Richtung Verlbert. Bürgermeister Breuer habe am gleichen Tag die Abgabe der Waffen gemäß dem Bielefelder Abkommen gefordert. Die Kampfhandlungen waren am 9. April mit der Einnahme von Essen durch Reichswehr- und Freikorpseinheiten beendet. Über die Jahre danach finden sich keine detaillierten Angaben über das Wirken Franz Vouttas. Die Essener Sozialdemokraten wählen ihn zum zweiten Vorsitzenden des Unterbezirks. Laut Wiedergutmachungsakte war er Funktionär, der SPD und der Freien Gewerkschaft im Stadtbezirk Essen-Werden. Da es keine detaillierten Angaben gibt, möchte ich doch gerne anmerken, dass in der Weimarer Republik in den Jahren nach 1920 nicht nur strikt und unabänderlich alles auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten zugelaufen ist oder sein kann. Erfolge der Arbeiterbewegung wurden errungen und gesichert. Die SPD war an Regierungen beteiligt, stellte Reichskanzler. Und es muss auch in Werden, nach dem erfolgreichen Widerstand gegen die Putschisten Möglichkeiten der demokratischen Mitgestaltung gegeben haben. Und auch auf kommunaler Ebene müssen Sozialdemokraten ein kraftförderndes Gemeinsamkeitsgefühl erlebt haben. Sonst wäre wohl nicht zu erklären, dass Franz Voutta sich auch durch etwa sechs Wochen Schutzhaft, erlitten 1933, nicht einschüchtern ließ. Er blieb im sozialdemokratischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiv, verteilte verbotene SPD-Schriften, hielt Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen. Die Nationalsozialisten erließen Vorschriften, mit denen sie ihr Unrechtssystem ausbauten. Der 1.5. wurde zum Tag der nationalen Arbeit umbenannt. Die Nationalsozialisten feierten an diesem Tag jetzt ihre Bewegung mit einer Massenkundgebung. Franz Voutta organisierte auf dem Gelände der Zeche Pauline eine alternative Maifeier. Er hielt die Festrede. Am folgenden Tag, dem 2.5.1933, zerschlugen die Nationalsozialisten die freien Gewerkschaften. Am 22.06. desselben Jahres wurde die SPD verboten Alternative Maifeiern organisierte Franz Voutta auch in den beiden folgenden Jahren. Sie fanden auf dem Gelände der Alten Burg in Werden statt. Es gab auch warnende Stimmen, die eine Gefährdung der illegalen Arbeit in solchen Zusammenkünften sahen. 50 und mehr illegal tätige Genossen an einem Ort, das galt manchen als viel zu großes Risiko. Ob Franz Voutta und seine mitfeiernden Genossen solche Stimmen nicht gehört, das Risiko unterschätzt oder vielleicht auch Festigung des Zusammengehörigkeitsgefühls ein größeres Gewicht beigemessen haben, ist nicht bekannt. 1935 hatte die Gestapo Informationen über das Treffen erhalten. Die Teilnehmer konnten nach Sichtung von Polizeibeamten das Gelände noch verlassen. Im Lokal Kimmeskamp, wo sich etwa 20 Teilnehmer erneut versammelt hatten, wurden diese verhaftet. Es kam zu weiteren Festnahmen. Von den führenden SPD-Leuten in Essen entkam vorläufig nur Gustav Streich, der zur Maifeier nicht pünktlich erschienen war und dessen Name bei den Verhören nicht preisgegeben wurde. 14 Monate nach den Verhaftungen kam es zum Prozess vor dem Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm. Die Anklage lautete auf Vorbereitung zum Hochverrat. Franz Voutta war verzeichnet in der Anklageschrift vom 16. Mai 1936. Am 9.7.1936 erhielten die Mitangeklagten ihre Urteile. Es wurden Strafen bis zu viereinhalb Jahren Zuchthaus ausgesprochen. Einige wurden nach der Haft in Konzentrationslager verschleppt. Andere wurden in Strafbataillonen, in den Krieg und damit in den wahrscheinlichen Tod geschickt. Das Oberlandesgericht Hamm hatte bei der willführigen und vorauseilenden Umsetzung nationalsozialistischen Unrechts einen sehr guten Ruf. Es wurde von der Gestapo gelobt. Es sei in den Anfangsjahren zumindest sehr viel brauchbarer gewesen als der Volksgerichtshof. Auf der Seite des Hammer Stadtarchivs ist zu lesen "Aus der Geschichte des Oberlandesgerichts in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bleibt das Unrecht der nationalsozialistischen Diktatur in Erinnerung, welches auch von Teilen der Justiz des Oberlandesgerichtsbezirks Hamm willfährig umgesetzt wurde. In politisch motivierten Strafprozessen verurteilten die Strafsenate des Oberlandesgerichts und die Sondergerichte des Bezirks mehr als 25.000 Regimegegner zu langjährigen Zuchthausstrafen. Verhängt wurden in dieser Zeit auch mindestens 350 Todesurteile. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte die Rechtsstaatlichkeit in die Säle des Oberlandesgerichts zurück. ". Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde allerdings kein einziger Jurist in der Bundesrepublik verurteilt. Die Juristen kehrten von selbst schlagartig zur Rechtsstaatlichkeit zurück, machten weiter und ihre Urteile und Schriften haben bis heute ihren Einfluss auf unser Rechtssystem. Sie stehen in den Fachseminaren, werden zitiert und sicher auch hier und da heute noch zur Begründung von Urteilen direkt oder indirekt herangezogen. Franz Voutta wurde bei der Urteilsverkündung am 9.7.1936 nicht mehr erwähnt. Er war aufgrund der während der Verhöre durch Misshandlungen erlittenen Verletzungen nicht mehr verhandlungsfähig. Am 17. Juli 1936 verstarb er an den Folgen der Misshandlungen in einem Düsseldorfer Krankenhaus. Einer seiner Söhne ist im Krieg gefallen. Im Dezember 1945 verstarb seine Ehefrau Helene, die sich während des Krieges wohl in Ostpreußen aufgehalten hatte, auf dem Rückweg nach Essen in Wittenberg. Ein Enkel, Sohn der Tochter von Franz Voutta und eine Urenkelin sind auf einem Foto aus dem Jahre 2018 zu sehen. Das ist Teil eines Berichts in der WAZ über die Verlegung des Stolpersteins. Das Grab von Franz Voutta befindet sich noch auf dem Bergfriedhof in Werden. Als ich dieses während der Arbeit an dieser Folge am 17. Juli zum 90. Todestag suchte, bin ich auf dem weitläufigen Friedhofsgelände erfolglos geblieben. Ich wollte schon aufgeben. Eine Gärtnerin riet mir, doch in der Verwaltung nachzufragen. Dort hatte ich den Namen noch gar nicht erwähnt, als eine Mitarbeiterin in meinem Rücken fragte, "Voutta? Kommen Sie mit! "! Am Grab standen bereits einige Menschen. Eine Gruppe der SPD Essen, Werden-Bredeney, war zum Gedenken zusammengekommen. Vielen Dank fürs Zuhören und vielleicht hört ihr mal wieder rein bei...
hans
01:17:38
Der Name der Straße.