Hildegrimstraße
19.06.2026 42 min
Zusammenfassung & Show Notes
Der Name „Hildegrimstraße“ ist Anlass in dieser Folge die Geschichte Hildegrims des Ersten, des zweiten Abts des Werdener Klosters zu erzählen. Da der im 8. Jahrhundert geboren wurde, heißt das: mitkommen ins Frühmittelalter!
Der Name „Hildegrimstraße“ ist Anlass in dieser Folge die Geschichte Hildegrims des Ersten, des zweiten Abts des Werdener Klosters zu erzählen. Da der im 8. Jahrhundert geboren wurde, heißt das: mitkommen ins Frühmittelalter!
LITERATUR
LITERATUR
Neben den einschlägigen Seiten auf Wikipedia habe ich die folgende Literatur benutzt:
ANGENENDT, ARNOLD: Liudger, Hildegrim und die Sachsenmission einen Vortrag den ich als pdf her heruntergeladen habe:
https://www.zhub.de/pdf/6115.pdf
DERS:: Das Frühmittelalter, 3.Auflage, 2001, Stuttgart
BUHLMANN, MICHAEL, Hildigrim – Bischof, Missionar und Werdener Klosterleiter, in: Geschichten aus der Werdener Geschichte, Bd. 23, hg. v. Geschichts- und Kulturverein Werden e.V.,
Essen-Werden 2025, S. 34-54
ENGEL, HEINRICH: Die Ruhrchristen, Edition Schmitz, 1997
HÖFFGEN, KLAUS: O, Ludgerus…! Die Liudgeriden – Die Reliquien, in: Geschichten aus der Werdener Geschichte, Bd. 14, hg. v. Geschichts- und Kulturverein Werden e.V.,
Essen-Werden 2016, S. 144 – 159
HÜSING, AUGUST: Der heilige Liudger, erster Bischof von Münster, Apostel der Friesen und Sachsen, Theissing, 1878
Als PDF zu finden auf:
KÖRHOLZ, FRANZ: Geschichte des Stifts Werden; Nachdruck, herausgegeben in der Reihe Wadden Kladden von Schmitz. Die Buchhandlung, 3.Auflage 2023
NEU, RAINER: Willibrord und die Christianisierung Europas im Frühmittelalter, 1. Auflage 2021, Stuttgart
SCHMID, KARL
Die ‚Liudgeriden‘. Erscheinung und Problematik einer Adelsfamilie. In: Karl Hauck, Hubert Mordek (Hrsg.): Geschichtsschreibung und geistiges Leben im Mittelalter. Festschrift für Heinz Löwe zum 65. Geburtstag. Böhlau Verlag, Köln 1978, S. 71–101
Eingesehen als und zitiert aus der PDF:
https://www.mgh-bibliothek.de/dokumente/a/a094483.pdf
UBL, KARL: Die Karolinger, CH Beck Wissen, 2. Auflage 2024, München
Die Aufnahmen der gregorianischen Gesänge stammen von diesen Seiten:
Mir fehlt der Musikverstand und ich hatte auch nicht die Zeit, mich ein bisschen rein zu wühlen. Die gregorianischen Gesänge habe ich also nach Gefühl ausgewählt. In Sachen Entstehungszeit oder auch inhaltlich kann ich dabei auch daneben liegen.
Bei Techno und Reggae hat die Musik KI Suno geholfen.
RÜCKMELDUNGEN sind möglich
unter
auf Facebook unter: Der Name der Strasse
und auf Instagram unter: der_name_der_strasse
Transkript
Hallo, ich heiße Hans und interessiere mich für Regionalgeschichte. In diesem Podcast geht es um Geschichten hinter
den Namen von ausgesuchten Straßen im Süden der Stadt Essen. Neue Folgen gibt es an jedem dritten Freitag des Monats.
Ein Bekannter sah mich neulich vor dem Straßenschild der Hildegrimstraße Fotos machen. Er wunderte sich, hielt an und
auf meine knappe Erklärung hin hakte er nach. Was ist das denn jetzt, Hildegrim? Der Bekannte wohnt in der Nähe der
Hildegrimstraße "Hildegrim war der Bruder von Liudger", fasste ich mein damaliges Wissen zusammen, "dem, der dort unten
in Werden das Kloster gegründet hat". Ich wohne ebenfalls in der Nähe... der Hildegrimstraße. Zu Beginn meiner
Recherche über den Straßennamen hatte ich wegen der Silbe "Hilde" erwartet, den Spuren einer adeligen Frau aus der
Region folgen zu dürfen. Auf eine Erzählung ihres Wirkens im Essener Damenstift war ich eingestellt. Im
Frühmittelalter waren Namen, die mit "Hild" beginnen, jedoch sowohl bei Männern als auch bei Frauen gebräuchlich.
Im Frühmittelalter, und zwar im Jahr 809, übernahm Hildegrim nach dem Tod seines Bruders Liudger die Leitung des
Klosters Werden an der Ruhr. Damals wusste man nicht nur in Werden, wer Hildegrim war. Sein Bruder Liudger starb am 26.
März 809 bei Billerbeck. Zu diesem Zeitpunkt war er Bischof von Münster, der Erste in einer langen Reihe. Münster
hieß damals Mimigernaford. Eine Legende geht so. Der Leichnam Liudgers lag bereits auf einem Wagen. Mehrere Orte,
an denen er gewirkt hatte, stritten darum, wo er bestattet werden sollte. Da hätten sich plötzlich die Ochsen mit
Wagen und Leichnam in Bewegung gesetzt und ohne menschliche Führung den Weg von Billerbeck nach Werden gefunden. In der
Vita Liudgeri wird hingegen beschrieben, wie Hildegrim dem Wunsch seines Bruders und damit dem Willen Gottes Geltung
verschaffte. Die Münsteraner wollten ihren ersten Bischof bei sich bestatten. Sie warteten jedoch zunächst die Ankunft
seines Bruders Hildegrim ab. Hildegrim wusste jedoch vom Wunsch Liudgers, seine letzte Ruhe in Werden zu finden. Er
sicherte sich die Unterstützung eines der mächtigsten Männer seiner Zeit, nämlich die vom Kaiser des Frankenreichs,
von Karl dem Großen. Aus der ersten Lebensbeschreibung Liudgers in der Übersetzung von Martin Buhlmann "Auf Befehl des
Kaisers, eigentlich also auf den Ratschluss Gottes hin, wurde jener Heilige Leib an den Ort, den Liudger selbst als er
lebte, bestimmt hatte, beerdigt". Hier und meist auch im Folgenden stütze ich mich auf Quellen, die sich vorrangig mit
dem Leben Liudgers befassen. Da die Brüder jedoch über lange Zeit eng zusammenwirkten, fällt der Mangel an
Überlieferungen, die sich ausdrücklich mit Hildegrim beschäftigen, weniger ins Gewicht Liudger und Hildegrim waren
einflussreiche und angesehene Geistliche im fränkischen Karolingerreich. Um das Jahr 800 erstreckte sich das
Karolingerreich von Nordspanien bis zur Elbe und von der Nordsee bis nach Mittelitalien. Es umfasste damit weite Teile
des heutigen Frankreichs, Deutschlands, Italiens sowie der Benelux-Staaten.
Zu Hildegrems Geburtsdatum und zu seinem Geburtsort gibt es keine eindeutigen Quellen. Irgendwann zwischen 750 und 760
wurde er geboren, irgendwo in Friesland. Friesland war damals nur teilweise christianisiert. Eine zentrale Macht, etwa
einen König, der den Glauben seiner Untertanen hätte beeinflussen können, kannten die Friesen nicht. Fürsten und
Kleinkönige herrschten über einzelne Stämme. Man schloss sich für gemeinsame Unternehmungen zusammen, lebte
nebeneinander her oder bekämpfte sich. Es gab aber auch Handelsbeziehungen, etwa zu den fränkischen Nachbarn. Oft
waren es Adelsfamilien, die sich dem christlichen Glauben zuwandten, während große Teile der Bevölkerung den Glauben
ihrer Vorfahren beibehielten. Religion war zugleich ein Machtfaktor. Mancher Fürst bekannte sich zum Christentum, ließ
seine Söhne jedoch ungetauft, um dem Familienverband alle politischen Optionen offen zu halten. Es gab auch ein
Nebeneinander verschiedener Glaubensvorstellungen. So erlaubten manche friesische Fürsten die selbst den traditionellen
Glauben pflegten, christlichen Missionaren in ihrem Herrschaftsgebiet frei zu predigen. Andere Regionen wiederum waren
bereits stärker vom Christentum geprägt.
In der folgenden Nacherzählung einer Legende wird, wie bereits in der Quelle selbst, der Begriff "Heiden" verwendet.
Nur ein solcher Begriff vermittelt den kämpferisch-biblisch geprägten Charakter der Erzählung Liafburg, die spätere
Mutter Hildegrims, wurde in einer Region Frieslands geboren, in der Christen und Heiden nebeneinander lebten. Ihre
Mutter, Adelburg, eine Christin, hatte ihrem Mann Nothrad erneut keinen Sohn geboren Notrads Mutter hingegen war Heidin.
In der Legende bleibt sie bezeichnenderweise namenlos. Sie habe die neugeborene Liafburg, die spätere Mutter Liudgers
und Hildegrims, töten lassen wollen. Nach heidnischem Brauch sei dies vor der ersten Nahrungsaufnahme eines Kindes
erlaubt gewesen. Als die Knechte das neugeborene Kind in einer mit Wasser gefüllten Kufe hätten ertränken wollen,
habe es sich aus eigener Kraft mit den Händen am Rand der Kufe festgehalten. Diese Kraft sei dem zarten Mädchen von
der göttlichen Vorsehung verliehen worden, weil aus ihm zwei Bischöfe geboren werden sollten, nämlich der heilige
Liudger und Hildegrim, sowie die künftigen Mütter weiterer Bischöfe. Einer gütigen Frau sei es schließlich gelungen,
der Neugeborenen flüssigen Honig einzuträufeln und so den Mordplan zu vereiteln. Auch der Vater Hildegrims entstammte
einem alten, weit verzweigten friesischen Adelsgeschlecht. Neben der eben zitierten, an biblische Geschichte erinnernden
Legende, findet sich in der Vita Liudgeri auch eine Schilderung der Hinwendung seiner väterlichen Vorfahren zum
Christentum. Der Großvater Wursing sei, obwohl nicht Christ, ein gerechter Mann gewesen, heißt es in der
Zusammenfassung von Karl Schmitt. Er sei vom friesischen Kleinkönig Radbod, der in der Quelle als Heide bezeichnet wird,
vertrieben worden. Wursing fand mit seiner Familie und einem kleinen Gefolge Schutz im Frankenreich. Die dortigen
Fürsten hätten ihn mit Lehen ausgestattet. Daraufhin sei er mit seinem ganzen Haus zum Christentum übergetreten.
Inzwischen sei Radbod von einer Krankheit befallen worden. Zuvor hatte er aus politischer Sicht auf die falschen
Christen gesetzt und sich damit den Unwillen des neuen starken Mannes im Frankenreich zugezogen, nämlich den Karl
Martells Radbod habe jedenfalls mit großen Versprechungen versucht, Wursing zur Heimkehr zu bewegen. Dieser schickte
zunächst seinen jüngeren Sohn, Thiatgrim, voraus. Den späteren Vater Liudgers und Hildegrims. Nach Radbods Tod im
Jahr 719 kehrte Wursing mit seiner Familie zurück. Im Zuge der Errichtung der fränkischen Herrschaft über Friesland
habe er im Auftrag Karl Martells den christlichen Glauben in seiner Heimat festigen sollen. Zu diesem Zweck erhielt er
ein Lehen im friesischen Grenzgebiet zum Frankenreich nahe Utrecht. Von dort aus unterstützte er die Missionare in
Friesland. Er sorgte für christliche Ehen seiner Kinder. Sein Sohn Thiatgrim förderte die geistliche Erziehung und
Ausbildung seines Sohnes Liudger, später auch die Hildegrims, sowie die seiner Tochter Heriburg.
Die Geistlichen, denen seine Kinder dort und dann während ihrer Ausbildung begegneten, waren häufig Iren oder
Angelsachsen. Viele von ihnen wurden zu prägenden Lehrern und Vorbildern. Von Britannien aus ging seit dem 7.
Jahrhundert eine Erneuerungsbewegung des christlichen Glaubens auf dem europäischen Festland aus. Dabei existierten auf
den britischen Inseln zwei unterschiedliche Traditionen. Im Jahr 597 entsandte Papst Gregor I. den Mönch Augustinus von
Canterbury zu den Angelsachsen nach Kent. Damit wurde im Süden England seine Kirche etabliert, die eng mit Rom
verbunden war. Daneben hatte sich in Irland seit der Christianisierung im 5. Jahrhundert eine eigene kirchliche
Tradition entwickelt. Ein bekannter Name aus dieser Zeit ist Patrick von Irland. Die irischen Klöster wurden zu Orten,
an denen die griechisch-lateinische Bildung den Zusammenbruch des Weströmischen Reiches überdauerte. Da Irland niemals
Teil des Römischen Reiches gewesen war, entwickelten sich dort eigenständige Zentren christlicher Gelehrsamkeit.
Zwischen beiden Traditionen kam es zeitweise zu Spannungen. Diese gingen so weit, dass irischen Mönchen mitunter
Häresie vorgeworfen wurde. Beiden Glaubensrichtungen gemeinsam war jedoch ein ausgeprägter missionarischer Eifer. Eine
besonders radikale Ausprägung dieses Missionsgedankens fand sich unter einigen irischen Mönchen im Ideal der
asketischen Heimatlosigkeit. Das Ziel war, als Wandermönch in der Fremde zu leben. Man glaubte, dem Himmel um so näher
zu kommen, je weiter man sich von seiner Heimat entfernte. Einem Vertreter dieses Ideals, Bonifatius, später Apostel
der Deutschen genannt, soll Liudger in jungen Jahren noch begegnet sein. Bereits ergraut und fast 80-jährig machte
Bonifatius auf einer Reise Station auf jenem Lehen bei Utrecht, das Liudgers Großvater erhalten hatte. Trotz seines
hohen Alters wollte Bonifatius noch einmal einen Missionsversuch in Friesland unternehmen. Am Morgen des 5. Juni 754
oder 755 wurde er bei Dokkum gemeinsam mit seinen Begleitern erschlagen. Es ist auch nicht ganz unumstritten, ob er als
Märtyrer starb oder Opfer eines Raubüberfalls wurde.
Liudger lernte später bei Gregor von Utrecht, einem Schüler des Bonifatius. Gregor entstammte einer vornehmen
fränkischen Familie, den Hugobrtinern. Hildegrim wiederum war Schüler seines deutlich älteren Bruders Liudger, als
dieser an der Domschule von Utrecht unterrichtete. Ein weiterer Angelsachse, der das Denken Liudgers und damit auch das
Hildegrims beeinflusste, war Willibrord, der oft als Apostel der Niederlande bezeichnet wird. Sein Weg kreuzte sich
kurz mit dem des Bonifatius. Gut verstanden hätten sich die beiden jedoch nicht. Ein Grund dafür könnte gewesen sein,
dass Willibrord sich vom Ideal des heimatlosen Wandermönchs entfernte. Er sah die Mission vielmehr durch die
Zusammenarbeit mit der weltlichen Macht, damals also dem Frankenreich und durch eine enge Bindung an Rom gefördert. Das
Amt des Erzbischofs brachte er von Britannien auf den Kontinent. Der Erzbischof sollte unmittelbar dem Papst
verantwortlich sein und als Bindeglied zwischen Rom und den Bischöfen vor Ort wirken. Mit diesen neuen Akzenten legte
Willibrord einen wichtigen Grundstein für das Wirken Alkuins. Alkuin wurde 735 in der Nähe von York im
angelsächsischen Northumbria geboren. Er war zunächst Schüler und später Leiter der dortigen Domschule. An der
vervollständigte Liudger ab dem Jahr 767 seine Ausbildung. Im selben Jahr wurde Liudger von Erzbischof Ethelbert zum
Diakon geweiht. 772 verließ er England und kehrte an das Utrechter Martinstift zurück. Nach dem Tod Gregors im Jahr
775 gab er seine Lehrtätigkeit auf und wurde Missionar. Seine Wirkungsstätten waren unter anderem Deventer, Dokkum und
der Ostergau. 777 wurde er in Köln zum Priester geweiht. Außerdem verfasste er eine Lebensbeschreibung Gregors von
Utrecht. Zurück zu Alkuin. Um das Jahr 797 schrieb Alkuin eine Lebensbeschreibung Willibrods. Wichtiger war aber
zunächst seine Begegnung mit Karl dem Großen im Jahr 781 in Parma. Bereits 782 übernahm Alkuin die Leitung der
Hofschule in Aachen. Er galt als der einflussreichste Gelehrte seiner Zeit. Seine Stellung wird häufig mit der eines
Kultusministers Karls des Großen verglichen. Für die Brüder Liudger und Hildegrem war Alkuin zudem eine wichtige
Verbindungsperson innerhalb des geistlichen und politischen Netzwerks des Frankenreichs. Irgendwann in dieser Zeit wurde
auch Hildegrimm, Schüler Alkuins.
Währenddessen missionierte Liudger weiterhin in Friesland. Von größeren Aufständen wird aus dieser Zeit nichts
berichtet. Einen Aufstand gab es jedoch 782 bei den Sachsen, den noch nicht christianisierten und noch nicht
vollständig unterworfenen Nachbarn der Franken. Angeführt wurde er von Widukind. Die militärisch deutlich
unterlegenen Sachsen besiegten überraschend ein fränkisches Heer am Süntel. Darauf folgte das Blutgericht von Verden
an der Aller. Karl der Große ließ dort die führenden Männer der Sachsen zusammenkommen. Sie mussten die
Verantwortlichen des Aufstandes benennen. Die in den Quellen genannte Zahl von 4.500 Hingerichteten wird heute vielfach
angezweifelt. Auch fehlen archäologische Spuren eines entsprechenden Massengrabes. Mehrere hundert Hinrichtungen,
vielleicht vier bis fünfhundert Enthauptungen an einem einzigen Tag, halten Historiker jedoch für möglich Widukind
selbst, den die sächsischen Großen als Hauptverantwortlichen benannt hatten, konnte nach Dänemark fliehen. Kurz
darauf wurde die Capitulatio de Partibus Saxoniae erlassen. Unter meist drakonischen Strafen, oft sogar unter Androhung
der Todesstrafe, wurde alles verboten, was als Widerstand gegen das Christentum verstanden werden konnte. Gewalt gegen
Priester und Kirchen, die Verweigerung der Kindertaufe oder die Bestattung von Toten an heidnischen Kultstätten. Der
Krieg gegen die Sachsen eskalierte weiter. In den folgenden drei Jahren kam es zu neuen Aufständen. Die beiden einzigen
offenen Feldschlachten dieser Phase entschieden die Franken für sich. Bis 785 waren sie bis zur Elbe vorgedrungen.
Viele Sachsen wurden vertrieben. . Schließlich gab Widukind seinen Widerstand auf und unterwarf sich. Karl der
Große wurde Taufpate Widukinds. Die Taufe fand in der Königlichen Pfalz-Attigny bei Reims statt. Papst Hadrian I.
gratulierte zu diesem Erfolg und ordnete drei Tage lang Dankgottesdienste und Prozessionen an. Eine kritischere
Haltung vertrat Alkuin, Lehrer und Vorbild sowohl Liudgers als auch Hildegrims. Seine Position war eindeutig.
Zwangsmission sei vergeblich, insbesondere wenn sie mit zusätzlichen Belastungen wie dem Kirchenzehnten verbunden wurde.
Die Taufe habe nur dann einen Wert, wenn sich ein Mensch ihr aus freiem Willen sowie in Kenntnis und Annahme des
Glaubens unterziehe Liudger und Hildegrim bezogen öffentlich keine erkennbare Stellung zu dieser Frage. Im Jahr 784
brachen sie zu einer Wallfahrt nach Rom auf und besuchten die sieben Pilgerkirchen der Stadt. Anschließend verbrachten
sie rund zwei Jahre im Kloster Montecassino, dem Mutterkloster des Benediktinerordens. Dort führten sie das Leben von
Mönchen und studierten die Benediktsregel. 787 wurde Liudger Leiter der Mission in den mittelfriesischen Gauen. 792
übernahm er die Mission im westlichen Sachsenland. Ab 793 wurde Mimigernaford, das spätere Münster, zum
Mittelpunkt seines Wirkens.
In den folgenden Jahren verstärkten die Brüder ihre Bemühungen, in Werden ein Kloster zu errichten. Der Ort lag noch
innerhalb des Frankenreichs, aber doch auch sehr nahe der Grenze zu Sachsen. Zugleich besaß der Standort eine günstige
Lage an wichtigen Verkehrswegen. Besonders bedeutend war die Anbindung an das west - östlich verlaufende Straßennetz
des Hellwegs, das den Rhein bei Duisburg mit der Elbe bei Magdeburg verband. Werden war damit sowohl ein geeigneter
Ausgangspunkt als auch ein wichtiger Ruhe- und Versorgungsort für die Mission unter den Sachsen. Land wurde erworben,
gekauft und getauscht. Die Familie der Brüder gehörte zum alten friesischen Adel und verfügte über entsprechende
Möglichkeiten. Hinzu kamen erste Schenkungen. Das geplante Kloster war als sogenanntes Eigenkloster konzipiert. Solche
Klöster konnten Adelige auf ihrem eigenen Grundbesitz errichten. Die Stifter eines Eigenklosters beanspruchten bis ins
9. Jahrhundert hinein gelegentlich selbst die Abtswürde. So später auch Liudger und Hildegrim, obwohl sie, streng
genommen, keine Mönche waren. Aufgrund ihrer zahlreichen anderen Aufgaben hielten sie sich nur selten in Werden auf. In
zwei Urkunden des Chartularium Werdinense, wird Hildegrim ausdrücklich erwähnt. Sie tragen die Jahreszahlen 793 und
799. In der Urkunde von 793 wird Hildegrim als Diakon bezeichnet. Spätestens 796 wurde er zum Priester geweiht. .
Ebenfalls im Jahr 796 verließ Alkuin den Hof Karls des Großen. Dieser ernannte ihn zum Abt von Saint-Martin in Tours,
obwohl Alkuin kein Priester, sondern lediglich Diakon war. Möglicherweise spielte seine offene Kritik an der
Sachsenpolitik Karls dabei eine Rolle. Jedenfalls hatte Alkuin diese Kritik in den Jahren 795 und 796 mehrfach
wiederholt. Die entsprechenden Briefe sind erhalten. Sie richten sich sowohl an befreundete Bischöfe als auch an Karl
den Großen selbst und sie standen im Zusammenhang mit der Missionierung der Awaren. In Sachsen kam es weiterhin zu
Aufständen und fränkischen Militäreinsätzen. 798 begleitete Liudger Karl den Großen ein einziges Mal auf einem
Feldzug. Dieser führte in das Gebiet zwischen Weser und Elbe. Bereits 797 hatte Karl mit dem Capitulare Saxonicum
gemäßigtere Regelungen für Sachsen erlassen. Damit begann die schrittweise Eingliederung des Landes in das
Frankenreich. Wie muss man sich nun die tägliche Arbeit Liudgers als Leiter der Mission im westlichen Sachsen
vorstellen? Ähnliche Aufgaben dürfte später auch Hildegrim übernommen haben. Nach Liudgers Tod im Jahre 809 wirkte
er bis zu seinem eigenen Tod, 827, unter anderem als Missionsleiter in Halberstadt. Es mussten Kirchen gebaut und
Klöster gegründet werden. Die Einrichtungen waren auszustatten und mit allem zu versorgen, was für den Gottesdienst
und das kirchliche Leben benötigt wurde. Liturgische Bücher, Altargerät, Kelche, Handschriften und vieles mehr.
Zugleich mussten geistliche ausgebildet, Bücher abgeschrieben, Verwaltungsaufgaben organisiert und die Zusammenarbeit
zwischen den einzelnen Einrichtungen koordiniert werden. All das kostete Geld. Besonders verhasst war der Kirchenzehnt .
Alkuin sah in ihm sogar einen der Hauptgründe für den Widerstand vieler Sachsen gegen das Christentum. Dabei war das
Christentum für die Sachsen eine völlig neue Lebensordnung. Es betraf nahezu alle Bereiche des Lebens, Geburt und Tod,
Ehe und Familie, den Sonntag, den Gottesdienstbesuch, den Friedhof und das gesamte religiöse Umfeld des Alltags.
Neben all dem wurde im Jahr 800 schließlich auch das Kloster in Werden gegründet. Politik und Religion waren im
Frankenreich eng miteinander verknüpft. Wie eng diese Beziehung war, zeigte sich am 25. Dezember 800 in Rom. Papst Leo
III. krönte Karl den Großen während der Weihnachtsmesse zum Kaiser. Anschließend erwies er ihm nach damaligem Brauch
durch einen Fußball seine Ehrerbietung. Die Anwesenden riefen: " Karl dem überaus frommen Augustus, de von Gott
gekrönten Großen und Frieden stiftenden Kaiser, Leben und Sieg" ".
Das Kloster in Werden sollte also nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Rolle spielen. Kirchliche
Einrichtungen bildeten im Frankenreich ein wichtiges Rückgrat des Gemeinwesens. Nur die Kirche verfügte über ein
dichtes Netz fester Einrichtungen, die über das gesamte Reich verteilt waren. Sie besaß regelmäßige Einkünfte,
Personal und eine funktionierende Verwaltung. Klöster dienten nicht nur der Bewirtschaftung ihrer Ländereien und der
Versorgung der Bevölkerung. Durch Gottesdienste und Messen standen sie auch in engem Kontakt mit den Menschen. In den
Kirchen wurden Gesetze verkündet. Dort informierte man über bevorstehende Feldzüge und erinnerte die Freien des
Reiches an ihre Verpflichtungen zum Kriegsdienst. Auch die Treueide gegenüber dem Herrscher wurden in kirchlichen
Einrichtungen geleistet. Im Lateran, in Rom, dem offiziellen Sitz des Papstes, befindet sich ein Mosaik, das die enge
Verbindung von geistlicher und weltlicher Macht symbolisiert. Es zeigt, wie Petrus, Papst Leo III. eine Stola und Karl
dem Großen eine Fahnenlanze überreicht. Sinnbilder geistlicher und weltlicher Herrschaft. Die Menschen wurden Teil
dieser Ordnung, indem sie ihre Pflichten gegenüber König und Reich erfüllten. Zweimal mussten in dieser Epoche alle
freien Einwohner des Frankenreichs einen allgemeinen Treueid auf den Herrscher leisten. Dieser Eid wurde auf Reliquien
oder auf die Evangelien geschworen. Nur den jüdischen Gemeinden gestattete man, den Eid auf die Thora abzulegen 789
erfolgte mit der Admonitio generalis, die erste allgemeine Vereidigung der Reichsbevölkerung 802 folgte nach der
Reichsversammlung in Aachen und dem Erlass wichtiger Reformkapitularien eine zweite allgemeine Vereidigung. Ebenfalls
802 wurde Hildegrim der 30. Bischof von Châlons in der Champagne an der Marne. Vermutlich geschah dies auf Betreiben
Karls des Großen. 804 fand der letzte Sachsenfeldzug statt. Damit endete ein Krieg, der rund 30 Jahre gedauert hatte.
805 wurde Liudger Bischof von Münster. Einige Jahre zuvor hatte er die Möglichkeit ausgeschlagen, Bischof von Trier zu
werden. Im Jahr 809 starb Liudger. Wie es dazu kam, dass er beim Kloster Werden bestattet wurde, wisst ihr bereits
Hildegrim wurde sein Nachfolger als Leiter des Klosters und zweiter Abt der Geistlichen Gemeinschaft in Werden. Unter
seiner Führung erhielt das Kloster eine stärkere Prägung als benediktinische Mönchsgemeinschaft. Für Hildegrim lag
das Kloster Werden günstig. Es befand sich auf dem Weg von Châlons nach Ostsachsen, wo er in den folgenden Jahren als
Missionar tätig war. Eine Immunitätsurkunde für das Bistum Châlons ist auf den 2. September 814 datiert. Viele
Dokumente aus dieser Zeit erweisen sich bei näherer Prüfung als Fälschungen. Dieses jedoch gilt als echt. Karl der
Große war im Jahre 814 verstorben. Der neue Herrscher des Frankenreichs, Ludwig der Fromme, schrieb in der besagten
Immunitätsurkunde "Es wage niemand von unseren Getreuen, von diesem Bistum und jenen darum gelegenen verschiedenen
Gauen etwas wegzunehmen oder vorzuenthalten, So dass es ihm, nämlich Hildegrim, durch diese unsere Urkunde freisteht,
das Wort der Predigt mit der Unterstützung Gottes durchzusetzen und sein Amt ohne Einschränkung auszuüben". Lange
Zeit leitete Hildegrimm im Rahmen seiner Missionstätigkeit in Ostsachsen die Kirche von Halberstadt. Das spätere
Bistum Halberstadt erhielt mit seinem Neffen Thiatgrim seinen ersten Bischof. Dieser wurde später zudem der vierte Abt
des Klosters in Werden.
Stephanus war der Patron der Bischofskirche von Châlons. Daher liegt die Vermutung nahe, dass Hildegrim das
Stephanus-Patrozinium nach Werden übertrug. Er ließ neben der Abteikirche die Stephanuskirche errichten. Im
Zusammenhang mit seiner Missionstätigkeit soll Hildegrim in Ostsachsen 35 Kirchen gegründet haben, die sämtlich dem
heiligen Stephanus geweiht waren. Für diese Überlieferung gibt es bislang allerdings keine direkten urkundlichen oder
archäologischen Belege. Auffällig ist jedoch die Häufung von Stephanuskirchen in diesem Gebiet. Hildegrim starb am 19.
Juni 827. Auch er wurde in Werden beigesetzt. Die vier nachfolgenden Klosterleiter fanden ebenfalls ihre letzte Ruhe
dort, in der inzwischen errichteten Krypta. Werden war zunächst ein Eigenkloster, also ein Kloster im Besitz der
Gründerfamilie. Die Familie, der die ersten sechs Äbte in Werden entstammten, wurde später als die Liudgeriden
bezeichnet. Nicht alle verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb dieser Familie sind lückenlos nachweisbar. Dennoch
bestand über Generationen hinweg eine enge geistliche und familiäre Verbundenheit. Mitte des 9. Jahrhunderts versuchte
ein nur unsicher belegter Nachfahre, persönlichen Nutzen aus dem Kloster zu ziehen. Zugleich gab es in Münster
Bestrebungen, Werden dem dortigen Bistum einzugliedern. Die Werdener Benediktiner Mönche verhinderten dies gemeinsam
mit ihrem letzten Liudgeridenabt, Hildegrim II. und mit Unterstützung des ostfränkischen Königs Ludwig des Jüngeren.
Dieser verlieh dem Kloster die Privilegien des Königsschutzes, der Immunität und der freien Abtswahl. Nach dem Tod
Hildegrims II. am 21. Dezember 886 wählten die Werdener Mönche erstmals ihren Abt selbst. Damit endete die Zeit der
Liudgeriden als Leiter des Klosters. Und damit endet auch die Geschichte des Mannes, nach dem die Hildegrimstraße
benannt ist. Nach dieser langen und recht wortreichen Folge bedanke ich mich besonders fürs Zuhören. Und natürlich
würde ich mich freuen, wenn Ihr auch beim nächsten Mal wieder dabei seid. Bei:
Der Name der Straße.
Hans
00:00:36
hans
00:38:44